KONTRA Punkt : Wie ein Skandal gemacht wird

10.01.2012 00:00 UhrVon Malte Lehming

„Zehn Goldene Regeln“: Wer sie beherrscht, hat Medien-Macht.

Es war einmal ein Präsident. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, kämpfte sich hoch und kam, an Alter noch sehr jung, ins höchste Amt. Rasch wurden seine Frau und er beliebt. Doch dann überzog man sie mit Affären. Die Vorwürfe prasselten schneller auf das Präsidentenpaar ein, als es sich wehren konnte. Und wie so oft, so war es auch diesmal: Nicht der Inhalt eines Skandals wurde dem Präsidenten zum Verhängnis, sondern sein eigener Umgang damit.

Der Präsident log, vor der Öffentlichkeit und sogar unter Eid. Ein Untersuchungsausschuss wurde eingerichtet, ein Amtsenthebungsverfahren in die Wege geleitet. Am Ende blieb Bill Clinton im Amt.

Seine Frau ist heute Außenministerin. Die deutsche Presse war damals auf seiner Seite. Die Lewinsky-Affäre beobachtete sie mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination. Sie lernte einerseits, was eine „character assassination“ ist, andererseits, wie man eine solche betreibt. Eine ganze Nation wochen- und monatelang um dieses eine Thema kreisen zu lassen: War das nicht auch eine hohe Kunst?

Man schickte Kundschafter aus, und die wurden fündig. Die Murdoch-Gruppe hatte eine Anleitungs-Broschüre erarbeitet mit dem Titel „The Making of a Scandal“. Da stand alles drin. Unter anderem enthielt sie „Zehn Goldene Regeln für die erfolgreiche Inszenierung eines Skandals“. Es lohnt, diese zehn Regeln kurz in Erinnerung zu rufen:

1. Falls Du keine Enthüllungs-Konkurrenz befürchten musst, warte mit der Veröffentlichung auf eine nachrichtenarme Zeit. Gut ist der Beginn der Sommerferien, perfekt die Weihnachtszeit. Mangels anderer Themen gibt es hier die größtmögliche Resonanz.

2. Verschieß Dein Pulver nicht beim ersten Mal. Dosiere die Geschichte so, dass der Leser das Gefühl bekommt, er habe erst die Spitze des Eisbergs gesehen. Das erzeugt Neugier und garantiert eine längere Haltbarkeit.

3. Ideal ist, wenn sich der Angegriffene gerade auf Urlaub oder Dienstreise befindet. Dann kann er sich nicht unmittelbar zur Wehr setzen, sondern hinkt dem Skandal hinterher, der dadurch eine Eigendynamik bekommt.

4. Suche Komplizen! Ein einzelnes Medium ist für eine Kampagne zu schwach. Füttere also die Konkurrenz recht bald mit Exklusiv-Informationen, damit sie in die Geschichte einsteigt. Ohne andere willige Vollstrecker – insbesondere auch in den elektronischen Medien – laufen Affären leer.

5. Weil immer etwas hängen bleibt, gib nach der ersten Welle Umfragen in Auftrag, die belegen, dass der Angegriffene an Ansehen verliert. Das beschleunigt dessen Negativspirale. Anschließend musst Du Politiker finden (jeder Hinterbänkler ist willkommen), die seinen Rücktritt fordern. Dann kannst Du tagelang titeln „…immer stärker unter Druck“.

6. Dauert die Kampagne bereits lange genug, spielt das Ursprungsthema keine Rolle mehr. Dann kann das Zusatzargument gebracht werden, dass die Debatte das Amt selbst beschädigt.

7. Komme mit immer weiteren Vorwürfen. Dabei zählt nicht Qualität, sondern Quantität. Kann sie der Angegriffene schon aus Zeitgründen nicht sofort entkräften, lässt sich ihm Salamitaktik vorwerfen (hinkt der Aufklärung hinterher, gibt nur zu, was bekannt ist).

8. Streue immer wieder Gerüchte, dass es noch mehr „im persönlichen Umfeld“ des Angegriffenen gebe, das enthüllt werden könnte. Das hält den Spannungslevel konstant hoch.

9. Starte nach etwa zwei bis drei Wochen die Nachfolge-Diskussion. Das erzeugt das Gefühl, der Rücktritt des Angegriffenen sei nur noch eine Frage der Zeit.

10. Sollte die Person wider Erwarten jetzt immer noch im Amt sein, konzentriere Dich auf die Charakter-Frage (Pattex-Politiker, klammert sich ans Amt, ist ehrlos, hat keine Würde mehr).

Längst ist „The Making of a Scandal“ ins Deutsche übersetzt, es kennt fast jeder Volontär. Die Frage, ob das stimmt und ob es diese Broschüre wirklich gibt, ist dabei weniger wichtig als die Tatsache, dass es so sein könnte.

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