Kontrapunkt : Allüberall Rassisten

Die Wahrnehmung von Alltagsrassismus schwankt stark. Je näher Überfälle und Brandstiftungen sind, desto größer der Eifer, Rassisten überall zu entdecken: im Schlossparktheater von Didi Hallervorden, im Deutschen Theater, in den Medien.

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Was also ist rassistisch? Eine Antwort lautet: Das, was von den Betroffenen als solches empfunden wird.
Was also ist rassistisch? Eine Antwort lautet: Das, was von den Betroffenen als solches empfunden wird.Foto: dpa

Vor ein paar Tagen war ich zu einer Podiumsdiskussion bei der „taz“ eingeladen, das Thema: der Rassismus der Medien, aufgezogen am Begriff „Döner-Morde“. Die daraus abgeleitete These: Rassismus ist in deutschen Medien weitverbreitet. Einige Mitdiskutanten versuchten, dies mithilfe von Zitaten zu belegen; nötig war dies nicht, das Publikum zeigte sich bereits gut eingestimmt durch die „taz“. Dort war zu lesen, welche Zeitungen sich nicht am Begriff „Döner-Morde“ gestört hatten. Dennoch gebe es von Selbstkritik kaum eine Spur.

Eine sinnvolle Debatte also, die dort geführt werden sollte, denn der Begriff „Döner-Morde“ ist tatsächlich geeignet, Menschen rassistisch zu verunglimpfen. Die eine interessante Frage ist, was dahintersteckt, eine andere, wie dem zu begegnen ist. Es ist wohl nicht zu gewagt, in den allermeisten Fällen partiell mangelnde Aufmerksamkeit, Sorgfältigkeit und Sensibilität zu unterstellen, nicht mehr. Aber immerhin das. Und ein Teil der Antwort auf die Frage, wie es sein kann, dass nicht nur die Mörder aus Zwickau Jahr für Jahr rassistisch motiviert Menschen verletzen und töten, ohne dass sie entdeckt oder gar an ihren Taten gehindert werden, lautet eben genau so: mangelnde Aufmerksamkeit, Sorgfältigkeit und Sensibilität.

Die Wahrnehmung von Alltagsrassismus ist allerdings starken Schwankungen unterworfen. Je länger eine Brandstiftung, ein Überfall, ein Sprengstoffanschlag zurückliegen, desto größer der Wahrnehmungsmangel, je näher ein solches Ereignis ist, desto größer der Eifer, Rassisten überall zu entdecken: im Schlossparktheater von Didi Hallervorden, im Deutschen Theater, in den Medien.

Den neuen Roman von Christian Kracht, „Imperium“, hatte offenbar kein Teilnehmer der Diskussionsveranstaltung gelesen, einige wahrscheinlich aber den pseudowissenschaftlichen Rassismusnachweis, den dazu Georg Diez im „Spiegel“ zu führen versucht hat. Im Ergebnis ist Kracht, weil es eben keine „Döner-Mörder“ gibt, sondern eine Mörderbande von Neonazis entdeckt wurde, ein Rassist. Ob das Georg Diez wohl auch dann aufgefallen wäre, wenn der Naziterror gerade mal wieder kein großes Thema ist? Oder wäre Kracht dann doch bloß wieder als etwas seltsamer Dandy durchgegangen? Seine Lesung in Berlin – geplant war sie, Achtung!, im Deutschen Theater – hat Kracht vor Schreck erst einmal abgesagt. Ein großer Sieg des anfallsweise auftretenden deutschen Antirassismus ist das nicht.

Die Spur der Neonazi-Mörder
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Auf dem Podium wurde die These vertreten, in den Medien würde alles besser, wenn dort mehr Journalisten mit Migrationshintergrund arbeiten dürften. Zum Beweis, wie schlimm alles ist, wurde auch ein Ausschnitt aus dem Tagesspiegel zur Sarrazin-Debatte vorgetragen. Nicht gesagt wurde, dass die Autorin eine Migrationsgeschichte hat. Eine andere Autorin, deren Eltern aus der Türkei stammen, hatte vor einiger Zeit einen großen Beitrag in der „taz“ veröffentlicht, der sich mit einer ungeklärten Mordserie beschäftigte. Die Überschrift lautete: „Die Suche nach dem Dönermörder“. Im Gegensatz zum Tagesspiegel hat die „taz“ übrigens in keinem ihrer vielen Beiträge über den Rassismus in anderen Medien thematisiert, dass sie selbst den inkriminierten Begriff in seinen verschiedenen Variationen mehr als ein Dutzend Mal wie selbstverständlich benutzt hat, um die Mordserie zu beschreiben.

Was also ist rassistisch? Eine Antwort lautet: Das, was von den Betroffenen als solches empfunden wird. Daraus lässt sich zwar keine widerspruchsfreie, kontextlose und verbindliche Verhaltenslehre ableiten. Aber etwas weniger Selbstgerechtigkeit und etwas mehr Sensibilität, das weist in die richtige Richtung.

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