Kontrapunkt : Das "Kartoffel-Problem" muss erforscht werden

Die Knolle des Anstoßes. Foto: ddp
Die Knolle des Anstoßes. - Foto: ddp

Auch wenn es lustig daherkommt: Es ist als Beleidigung gemeint, wenn deutsche Kinder "Kartoffel" genannt werden. Darum wäre es jetzt gut, wenn nachgeforscht und ernst genommen würde, was auf Schulhöfen geschieht.

Nichts Genaues weiß man nicht, aber es ist wohl so, dass auf deutschen Schulhöfen deutsche Kinder „Kartoffel“ genannt werden. Von Kindern, die vielleicht auch Deutsche sind, aber irgendwie türkisch aussehen oder arabisch. Kartoffel! So wurde auch mal ein polnischer Präsident genannt, und der hat sich auch dagegen gewehrt. Aber das ist eine andere Geschichte. Wer sich Kartoffel nennen lässt, der ist ja – Opfer. Und das sagen sie auch.

Grundsätzlich könnte man es so sehen: Das unterirdische Knollengewächs ist nach Europa wegen der schönen Blüte und des üppigen Laubes als reine Zierpflanze eingeführt und als seltene Pflanze in botanische Gärten aufgenommen worden.

Es schmeckt auch aller Welt gut. Aber, klar, es ist eine Beleidigung. Denn es ist ganz anders gemeint. Auch wenn es lustig daherkommt. Du Kartoffel! Türkische Wurzel! Man stelle sich das vor, auf dem Schulhof.

Doch natürlich fallen auf Schulhöfen noch ganz andere Worte, und das Problem ist auch größer als die Kartoffel. Da wird geholzt. Aber die nötige Empirie fehlt, wer wie oft wo was genannt wird, und was die Reaktion darauf ist. Auf dem Schulhof, früher, gab es das ja auch so ähnlich mit, sagen wir, Düsseldorfern. Dödeldörfern, Dusseldorfern. Oder mit Italienern, Itakern, Spaghettis. Nur wurde es nicht vergleichbar ernst. Und wer das als Ausländerfeindlichkeit einer Mehrheit bezeichnet hätte, der hätte zu hören bekommen: Halbstarkengehabe! Dumme Jungs! Politisiert deren Sprüche nicht!

Nur gilt damals wie heute: Ganz Genaues weiß man eben nicht. Das ist überhaupt das grundlegende Problem der „Du-willst-dich-doch-gar-nicht-integrieren“-Sache. Irgendwann hat der Herr S ja mal behauptet, siebzig Prozent der türkischen und neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung Berlins lehnten den Staat ab und seien zu großen Teilen weder integrationswillig noch -fähig. Nur gibt es keinerlei Statistiken, die das belegen. Und darauf angesprochen hat der Herr S gesagt: Wenn man keine Zahl hat, dann muss man „eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch“.

Das wollen wir doch nicht hoffen. Drum wäre es gut, wenn jetzt nachgeforscht würde; wenn es verlässliche Zahlen gäbe; wenn ernst genommen würde, was geschieht. Auch auf den Schulhöfen. Obwohl zur Meinungsfreiheit gehört, nicht alles von Herrn S Gesagte ernst zu nehmen. Bis dahin sagen wir es so: Der Abgeordnete speist im Restaurant. „Wie schmeckt Ihnen das Essen?“, fragt der Ober eifrig. Meint der Politiker: „Danke, es geht. Die Kartoffeln haben die absolute Mehrheit.“

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