Kontrapunkt : Die Linke und die Beschneidung - Konflikt der Ideale

06.07.2012 09:33 Uhrvon
Kontrovers: Das Beschneidungsurteil stößt bei religiösen verbänden auf Kritik. Foto: dapd
Kontrovers: Das Beschneidungsurteil stößt bei religiösen verbänden auf Kritik. - Foto: dapd

Rechtfertigt eine vermeintliche Stärkung des Kindeswohls eine Diskriminierung von Minderheiten? So lautet die neue Gewissensfrage nach dem Beschneidungs-Urteil des Kölner Landgerichts, meint Malte Lehming. Das könnte zur Spaltung der deutschen Menschen- und Bürgerrechtsbewegung führen.

Das ist das Ideal: Wir wollen aufgeklärt sein, human und tolerant. Wir kümmern uns um Minderheiten, kämpfen gegen Xenophobie und nehmen am Karneval der Kulturen teil. Was aber, wenn zwei dieser Ideale in Konflikt miteinander geraten – das Humane und die Toleranz etwa oder das Aufgeklärte und die  Anti-Diskriminierung? Dann zerbröselt das Weltbild. Dann wird aus der Wahl zwischen gut und böse plötzlich eine zwischen falsch und verkehrt.

Es könnte sein, dass die Diskussion über das Kölner Beschneidungsverbotsurteil für die deutsche Linke ebenso bedeutsam wird, wie es die über den Pazifismus vor dem Kosovokrieg war.

Damals reifte unter großer Seelenpein die Einsicht, dass sich auch derjenige schuldig machen kann, der ein absehbar großes Menschenrechtsverbrechen nicht verhindert. Es ging um das Konzept der humanitären Militärintervention. 

Heute heißt die Gewissensfrage, ob eine vermeintliche Stärkung des Kindeswohls die Kriminalisierung von in Deutschland lebenden Juden und Muslimen rechtfertigt. Der Orientalist und Schriftsteller Navid Kermani drückt es in seiner Kritik an dem Urteil noch drastischer aus: „Die Mehrheitsgesellschaft will Juden und Muslimen einreden, sie seien alle – mehr oder weniger – krank, sie hätten sozusagen einen Schuss weg und würden es nur nicht merken.“ 

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Für religiöse Organisationen ist der Fall klar. Der Zentralrat der Juden, der Zentralrat der Muslime, die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche lehnen das Kölner Urteil ab. Für antireligiöse Organisationen ist der Fall auch klar. Konfessionslose, Atheisten, Humanisten und die Laizisten in der SPD begrüßen es. Und die Parteien? Interessant sind vor allem die Reaktionen bei Grünen, Piraten und Linken. Prominente Grüne haben sich auf die Seite der Minderheiten, also Juden und Muslime, gestellt. Claudia Roth, Cem Özdemir, Volker Beck und Renate Künast beklagen vor allem die integrationspolitischen Konsequenzen, das Abdrängen in die Illegalität. 

Hingegen ist von Katja Kipping und Bernd Riexinger, den neuen Chefs der Linken, nichts zu hören. Die an sich religionsfernen Piraten wiederum diskutieren das Thema zwar in einigen Foren, aber es spricht Bände, dass der klügste Beitrag dazu von der Ex-Funktionärin Marina Weisband stammt („Das Ende vom Glied“). 

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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