Kontrapunkt : Gauck, der Wessi

Bald sitzt im höchsten Amt der Republik ein Ossi, der der Prototyp des Wessis ist, wie ihn der Ossi sieht, meint Malte Lehming. Ist das raffiniert oder Zufall?

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19.02.2012: Joachim Gauck wird erneut zum Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Anders als vor zwei Jahren, als der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und evangelischer Pastor in der Bundesversammlung Christian Wulff unterlag, kann er am 18. März mit der Unterstützung von Regierung und Opposition rechnen.Weitere Bilder anzeigen
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20.02.2012 21:1619.02.2012: Joachim Gauck wird erneut zum Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Anders als vor zwei Jahren, als der...

Also, fassen wir noch mal zusammen: Jürgen Trittin war der erste Politiker, der Joachim Gauck als Bundespräsidenten vorschlug. Philipp Rösler drückte ihn in der Koalition durch. Gauck ist gewissermaßen das Gemeinschaftswerk von Grünen und FDP. Er stammt, wie alle wissen, aus dem Osten der Republik. Grüne und FDP sind die beiden westdeutschesten aller Parteien. Wie passt das zusammen?

Vielleicht so: Der Ossi hält den Wessi ja gemeinhin für eitel, arrogant, besserwisserisch, großmäulig. In seiner hypermoralischen Art setze der Wessi die DDR mit allen anderen Unrechtsstaaten gleich. Die eigenen Defizite und Verbiegungen sehe er nicht. Statt dessen projiziere er sie auf den hässlichen Ossi. Hallo!? An wen erinnert uns das Bild, das der Ossi vom Wessi hat? Richtig, an Gauck. Ist er womöglich die letzte Rache der Wessis an den Ossis?

Unlängst wollte die „Ostsee-Zeitung“ in Gaucks Heimatstadt Rostock von ihren Lesern wissen, ob Gauck Bundespräsident werden solle. Knapp zwei Drittel (64 Prozent) sagten in der nicht repräsentativen Online-Umfrage „Nein“, 33 Prozent „Ja“. Beim MDR fiel der Negativ-Wert noch höher aus. Zunächst vermuteten die Verantwortlichen dort eine Manipulation, später räumten sie ein, dafür keine Indizien gefunden zu haben.

Wirklich überraschen kann die Skepsis nicht. Der ehemalige Chef der DDR-Sündenaufarbeitungsbehörde hat schon oft bei seinen früheren Landsleuten die „Furcht vor der Freiheit“ beklagt und den „Verlust von Bürgersinn“. Das Herausbilden einer ostdeutschen Identität oder das Feiern von Ostalgie-Partys lehnt er ab. Sozialistische Visionen hält er für gefährlich. Sein Urteil über die DDR weicht kaum von dem ab, was westdeutsche Antikommunisten leidenschaftlich vertraten.

Hinzu kommt Gaucks Bindung an Glauben und Kirche. Die DDR war das einzige ehemals sowjetisch besetzte Territorium, wo die Zwangssäkularisierung nachhaltige Folgen hatte. Religion hält der Ossi bis heute für ein Relikt aus voraufgeklärter Zeit. Auch in diesem Sinne kann ein Kirchenmann wie Gauck, ein überzeugter Prediger und Heilsverkünder, wie eine lebende Provokation verstanden werden.

Wie raffiniert ist das? Bald sitzt im höchsten Amt der Republik ein Ossi, der der Prototyp des Wessis ist, wie ihn der Ossi sieht. Kein Wunder, dass Angela Merkel ihre Vorbehalte hatte.

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