Kontrapunkt : Macht es mit den Frauen wie die Türken

Die türkischen Gemeinden in Deutschland sind seit dem Wochenende Avantgarde in Sachen Gleichberechtigung, schreibt Malte Lehming. Es wird Zeit, dass Deutschland auch etwas mehr für seine Einwanderer tut.

von
Die türkischen Gemeinden in Deutschland sind seit dem Wochenende Avantgarde in Sachen Gleichberechtigung und Emanzipation, schreibt Malte Lehming. Es wird Zeit, dass Deutschland auch etwas mehr für seine Einwanderer tut.
Die türkischen Gemeinden in Deutschland sind seit dem Wochenende Avantgarde in Sachen Gleichberechtigung und Emanzipation,...Foto: dpa

Vergesst Thilo Sarrazin! Vergesst alarmistische Islamkritiker! Vergesst die Mär von den Integrationsverweigerern! Denn es gilt, eine kleine Sensation zu melden: Am vergangenen Wochenende beschloss der Bundeskongress der Türkischen Gemeinden in Deutschland (TGD) einstimmig eine verbindliche Geschlechterquote. Mindestens 30 Prozent der Spitzenämter müssen künftig an Frauen vergeben werden. Die Quote soll in der Satzung festgeschrieben werden. Die TGD ist der Dachverband türkischer Migranten und die größte Migrantenselbstorganisation in Deutschland.

Praktizierte Emanzipation. Nicht reden, handeln. Forcierte Gleichberechtigung. Was die meisten biodeutsch geführten Dax-Unternehmen nicht schaffen, das führt ohne Wenn und Aber der türkisch-muslimische Verband ein. Gleichzeitig zu dem Beschluss tagten in Hamburg die Initiatorinnen von „ProQuote“, die eine Frauenquote von 30 Prozent in den Führungspositionen der deutschen Medien fordern, und sie gründeten einen Verein. Anne Will, Sandra Maischberger, Dagmar Reim und Ursula von der Leyen unterstützen die Initiative. Nach Angaben von „ProQuote“ werden nur rund zwei Prozent der Redaktionen von insgesamt 360 Tages- und Wochenzeitungen in Deutschland von Frauen geleitet.

Wenn türkische Migranten bei der Frauenquote inzwischen fortschrittlicher sind als die Einheimischen, dann ist etwas fundamental Wichtiges geschehen. Wie absurd und wirklichkeitsfremd wirkt auch vor diesem Hintergrund die Anfang März künstlich geschürte Aufregung um die Studie „Lebenswelten junger Muslime“ im Auftrag des Innenministeriums („Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren“). Es war geradezu grotesk, wie aus dem Zusammenhang der insgesamt vorbildlich und differenziert argumentierenden, 760 Seiten umfassenden, nicht repräsentativen Analyse skandalträchtige Fitzelchen gerissen wurden, um das Vorurteil der radikal-religiösen demokratie- und frauenfeindlichen Muslime zu nähren.

Spätestens seit der Bertelsmann-Sonderstudie „Religionsmotor 2008 – Muslimische Religiosität in Deutschland“ vom Herbst 2008 weiß man, dass die in Deutschland lebenden Muslime in allen Altersgruppen zwar sehr religiös sind, aber weder dogmatisch noch fundamentalistisch. Kennzeichnend für die religiösen Muslime sind statt dessen ihre hohe Akzeptanz von religiösem Pluralismus und ein eher pragmatischer Umgang mit Religion im Alltag. Religiosität und Toleranz schließen einander nicht aus, vielleicht bedingen sie einander sogar.

Was heißt schon Integrationsverweigerung? Wer dem Satz zustimmt „Wir sollten in Deutschland die Kultur unseres Herkunftslandes bewahren“, kann doch trotzdem integriert sein. Sowohl-als-auch eben. So wie deutsche, irische und italienische Einwanderer in den USA heimatliche Erinnerungsrituale pflegen und gleichzeitig amerikanische Patrioten sind.

Und der Satz „Die Befolgung der Gebote meiner Religiosität ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe“ gilt auch für gläubige Christen. Im Zweifelsfall steht Gott über den weltlichen Gesetzen: Diese innere Verpflichtung durchzieht eine Reihe christlicher Dokumente – vom Augsburger Bekenntnis bis zur „Barmer Theologischen Erklärung“. Natürlich darf der Rechtsstaat keine Gesetzesverstöße dulden. Aber den Grundsatz der obersten Bindung an Gottes Wort und Gottes Gebote haben Christen und Muslime gemein.

Nein, es wird Zeit, den Spieß umzudrehen. Nicht nur, was die Einwanderer für das Land tun können, sollte gefragt werden, sondern was das Land für seine Einwanderer tut. Beispiel doppelte Staatsangehörigkeit: Mit dem Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht entfällt der Einwand einer möglichen doppelten Loyalität. Viele Studien belegen auch, dass Menschen, die keine Angst vor dem Verlust ihrer alten Nationalität haben, sich in der neuen Heimat eher integrieren als die, denen man die Entscheidungspistole an die Brust hält. Beispiel öffentlicher Dienst: In Deutschland leben 10,6 Millionen Migranten, im Durchschnitt seit 21 Jahren. Zehn Prozent Migranten im öffentlichen Dienst müsste als Quote drin sein.

Die türkischen Gemeinden mögen derzeit Avantgarde sein in Sachen Emanzipation und Gleichberechtigung, das aber sollte die Einheimischen nicht davon abhalten, mit der Aufholjagd zu beginnen.

Autor

71 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben