Kontrapunkt : Was bleibt, wenn Christian Wulff bleibt?

Die Wulff-Debatte ist noch nicht beendet, die Liste der Verlierer indes wird täglich länger, meint Malte Lehming. Und das liegt nicht allein am Bundespräsidenten.

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Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das Büro mit Mitarbeitern geht.Weitere Bilder anzeigen
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04.03.2012 21:00Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das...

Man kann die Justiz für korrupt halten, das Bankwesen verlottert nennen und Deutschland als Bananenrepublik verspotten. Doch einmal angenommen, dass das etwas übertrieben ist und es im Großen und Ganzen zivil zugeht in diesem Land, wo stehen wir dann in der Debatte um den Bundespräsidenten? Es ist Zeit für eine kleine Zwischenbilanz. 

Christian Wulff ist immer noch im Amt. Die Staatsanwaltschaft in Stuttgart hat erklärt, sie werde keine Ermittlungen gegen ihn oder Verantwortliche der BW-Bank einleiten. Das Geldgeschäft habe einer juristischen Prüfung standgehalten. Auch die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hält das Darlehen ihrer Tochter BW-Bank an Wulff für regelkonform. Der Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates stellte fest, „dass die Kreditvergabe gemäß den internen und banküblichen Regelungen erfolgte“. Diese beiden Seifenblasen sind also geplatzt. 

Bleibt als vorerst Letztes die Verbindung zu Wulffs Ex-Sprecher Olaf Glaeseker, dessen Büroräume im Bundespräsidialamt in der vergangenen Woche durchsucht wurden. Nun werden jährlich in Deutschland mehrere Millionen Ermittlungsverfahren eingeleitet – und die allermeisten davon später wieder eingestellt. Auch Durchsuchungsbeschlüsse sind noch lange kein Urteilsspruch. Überdies richten sich die Ermittlungen nicht gegen den Bundespräsidenten, sondern gegen dessen ehemaligen Mitarbeiter. Dennoch ist der Glaeseker-Strang aufgrund des früheren sehr engen Verhältnisses ein durchaus ernst zu nehmender Schwachpunkt in Wulffs Verteidigungskette.

Bereits jetzt gelitten hat fraglos das Amt selbst. Joschka Fischer wurde dieser Tage von „Cicero“ gefragt, ob er sich selbst vorstellen könnte, Bundespräsident zu werden. Er antwortete: „Nein. Ich habe mein Leben so geführt, dass ich den hohen moralischen Standards, die neuerdings an öffentliche Ämter durch die Medien angelegt werden, nicht mehr gerecht werde. Demnächst wird der Bundespräsident über das Wasser wandeln müssen und dann wird man ihn fragen, ob er am Ende den Erwerb dieser Fähigkeit sich nicht hat subventionieren lassen.“ 

Ähnlich äußerte sich zuvor der hannoversche Landesbischof Ralf Meister. „Schamlos wird alles öffentlich, was einst durch den Schutz der Privatheit persönlich blieb“, sagte der evangelische Theologe. Besonders abstoßend sei die Gnadenlosigkeit einiger Medien: „Ich fürchte mich manchmal vor einer nackten, einer vollständig entblößten Gesellschaft, die das Gespür für die Gnade Gottes verloren hat.“ Es sei unbarmherzig, anderen Menschen ihre Schuld nicht vergeben zu wollen. 

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