Kontrapunkt : Wowereit und die Saudis: Hand auf, Augen zu

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit reist in Saudi-Arabien herum und führt "Kooperationsgespräche". Lorenz Maroldt schreibt über eine falsche Reise zur falschen Zeit an den falschen Ort.

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Klaus von Arabien: Wowereit empfing schon Saudi-König Abdallah in Berlin. Nun ist der Regierende auf die arabische Halbinsel gereist.
Klaus von Arabien: Wowereit empfing schon Saudi-König Abdallah in Berlin. Nun ist der Regierende auf die arabische Halbinsel...Foto: dapd

Saudi-Arabien ist eine absolute Monarchie, der König steht über allen Gesetzen, Parteien und Gewerkschaften sind verboten. Es ist die Heimat von Osama bin Laden und der meisten Attentäter vom 11. September. Menschenrechte und Meinungsfreiheit spielen hier keine Rolle. Wer einer anderen Religion als dem salafitischen Islam anhängt, wird bestraft. Frauen haben einen männlichen Vormund, ohne dessen Einverständnis sie das Land nicht verlassen dürfen. Wer Alkohol trinkt, wird ausgepeitscht, wer mit Alkohol handelt, geköpft. Das kann auch Schwulen passieren: Homosexualität ist verboten. „Die arabische Halbinsel bietet Riesenchancen für Berlin“, sagt Senatssprecher Richard Meng.

Vom 25. Februar bis zum 1. März reist Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit im Königreich herum und führt „Kooperationsgespräche“. Wowereit sagt: „Ich freue mich, dass ich den 2010 in Berlin begonnenen Dialog mit Prinz Salman in Riad fortsetzen kann. Unsere arabischen Gesprächspartner haben in den vergangenen Jahren Berliner Fähigkeiten und Potenziale kennen und schätzen gelernt. Auf dieser Basis wollen wir gemeinsam mit Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur die Zusammenarbeit in Riad vertiefen und um Projekte auf neuen Gebieten erweitern.“

Es geht um Geld, um Geld für Berlin, und es ist gut so, dass Wowereit sich darum kümmert. In Saudi Arabien gibt es viel Geld. Die Beziehungen zwischen dem Königreich und Deutschland sind gut, waren gut, werden gut sein. Die arabische Halbinsel bietet Riesenchancen, nicht nur für Berlin.

Der Rest der arabischen Welt ist in Aufruhr, die Menschen erheben sich gegen ihre Despoten, stürzen sie, verjagen sie. Die westliche Welt versucht, sich noch schnell auf die Seite der Sieger zu retten. Jahrelang waren die guten Beziehungen zu den Herrschern die Grundlage für die guten Geschäfte. Stabile Verhältnisse sind immer gut fürs Geschäft; Streiks und Gewerkschaften nicht. Deshalb sind sie in Saudi-Arabien ja auch verboten.

„Es ist keine schlechte Fügung, in dieser spannenden Zeit dort zu sein“, sagt Richard von Arabien Meng, „das macht die Gespräche noch spannender.“ Noch spannender - als was? Wir werden es nicht erfahren. Die Abenteurer aus dem Abendland haben ihre Reise ins Zentrum der Zensur ohne Pressebegleitung gebucht. Die Saudis wollten das so. Wowereit sagt: „Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklung in der arabischen Welt werden wir mit unseren Partnern in Saudi-Arabien einen offenen Meinungsaustausch führen.“ Ganz bestimmt.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin muss nicht die Menschenrechtsprobleme der Welt lösen. Das haben hunderte andere, mächtigere Gäste der Prinzen und Könige auch nicht geschafft. Bis vor kurzem wäre eine solche Reise zu „Kooperationsgesprächen“ auch völlig normal gewesen, Hand auf, Augen zu, so war es nun mal, so machten es alle. Aber jetzt bewegen sich die Menschen dort, sie erheben sich, und die westliche Welt bewegt sich mit, wenn auch in die andere Richtung: sie duckt sich. Aber sie stellt zugleich auch in Frage, wie es bisher war. Ob es gut so war. Ob sie nicht vielleicht doch etwas verpasst hat oder übersehen. Nur in Berlin, ausgerechnet, hält man fest an Prinz Egon und König Erich. Es ist die falsche Reise zur falschen Zeit an den falschen Ort.

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