Meinung : Krieg ist kein friedenstiftendes Mittel

Lesermeinungen zu Günter Grass und seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“

Das Gedicht von Günter Grass sei gelesen, ehe man urteile. Über das Amt des Dichters bei Gefahr hat Wolfgang Borchert profund nachgedacht, aber auch Goethe war überzeugt: „Es gibt Steine des Anstoßes, über die ein jeder Wanderer stolpern muss. Der Poet aber deutet auf die Stelle hin“. Mich berührt die tiefe Besorgnis des Nobelpreisträgers vor einem „Präventivschlag Israels“ in der hochsensiblen Region Nahost und den unabsehbaren Folgen für die Welt. Grass’ Gedicht scheint mir pro Israel, pro Iran, pro Welt gedacht und

geschrieben.

Erhard Scherner, Schöneiche

Das Gedicht ist töricht und hätte so nie gesagt werden sollen, weil dort der Vernichtungswille des iranischen Präsidenten gegenüber Israels ebenso negiert wird wie dessen Streben nach dem Bau der Atombombe, der Verteidigungswille Israels und die diesbezügliche Verpflichtung Deutschlands als „mit flinker Lippe“ veralbert und moralisches Unrecht diskreditiert wird. Ein nicht mehr ernst zu nehmender Grass hat einen Furz gelassen. Von diesem gealterten Menschen, der mich als pubertierendes Kind mit seiner Novelle „Katz und Maus“ in die „hohe“ Literatur einführte, muss sich niemand die Leviten lesen lassen, „sich … vom Schweigen (zu) befreien“. Wie sollen wir die politisch-

menschliche Tragik des Nahen Ostens sachgerecht und menschlich angemessen zu würdigen und zu beurteilen wissen, wenn Grass, der „Mitläufer von damals“, es wagt, uns in dieser Weise zu belehren? Schade, ich werde ihn nicht mehr nur als bedeutenden Literaten im Gedächtnis behalten.Leider, denn ich war Grass verbunden; hätte er doch nur weiterhin geschwiegen.

Prof. Dr. Michael Matzke,

Berlin-Spandau

Dass der Zentralrat der Juden in Deutschland, der israelische Gesandte in Berlin, der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft heftig gegen das Gedicht von Günter Grass Stellung beziehen, verstehe ich. Was aber in Michael Naumann vor sich geht, verstehe ich nicht. Was Günter Grass empfindet, dass die Toleranz der Atomwaffen in Israel ein starker Faktor ist, der den Weltfrieden in Gefahr bringt, ist keine neue Erkenntnis von ihm. Wie sich der Iran verhalten würde, gäbe es die Atombombe in Israel nicht, vermag ich nicht zu sagen. Es ist schwer, vom Iran zu erwarten, dass er sein Atomanreicherungsprogramm stoppt, das ggf. der Entwicklung der Atombombe dient, solange Israel eine Atommacht in der Region ist. Günter Grass hat recht, wenn er warnt, dass die Atommacht Israel den Weltfrieden gefährdet, solange die Vernichtung des Irans durch einen atomaren Erstschlag allen Ernstes als Option gilt. Statt sich über Günter Grass zu entrüsten, wäre es aus meiner Sicht angebrachter, nach einer diplomatischen Lösung des Konfliktes zu suchen. Es bleibt dabei: Krieg ist kein Frieden stiftendes Mittel.

Monika Müller, Berlin-Heiligensee

Wieder mal wird jegliche Kritik an der Politik Israels mit der Keule des Antisemitismus niedergemacht. Gegen alle UN-Beschlüsse setzt die Regierung Netanjahu ihre Siedlungspolitik fort und vernichtet damit weiterhin ungehindert die Existenzgrundlage der Palästinenser. In Deutschland wird eine Kultur des schlechten Gewissens gegenüber den Juden – mit Hinweis auf den Nationalsozialismus – gepflegt, damit keiner die Stimme gegen die zionistische Politik der Regierung erhebt. Dabei profitiert die deutsche Rüstungsindustrie fleißig mit. Ironie des Schicksals: Die Palästinenser sind die Juden von heute und (über-)leben mittlerweile in der vierten Generation in Flüchtlingslagern. Auch wenn sich Grass im Ton vergriffen hat, in der Sache hat er recht. Das ist Zivilcourage und keine „Hetze“!

Georg Röring, Berlin-Tempelhof

Günter Grass weist auf die von Israels Atommacht ausgehende Gefahr hin, ohne dabei die Bedrohung durch den Iran zu verharmlosen. Er mag dabei ein deutsches Tabu brechen, das sich Deutschlands Politiker aus Angst und falscher Hörigkeit selbst auferlegt haben, weil es politisch unkorrekt sei, Israels Führung zu kristisieren, koste es was es wolle. Grass wünscht von den Verantwortlichen in Israel und im Iran den endgültigen Verzicht auf gegenseitige Gewalt, um eine Eskalation zu verhindern, daran ist nichts falsch. Alle, die Grass jetzt zum Hassprediger abstempeln wollen, haben das sogenannte Gedicht entweder nicht gelesen oder sie können bzw. wollen die von ihm benannten Tatsachen der Wirklichkeit nicht neutral sehen und bewerten.

Achim Wolf, Mannheim

Die Heuchelei westlicher Regierungen und die Schwarz-Weiß-Kritik an Grass offenbaren ein imperiales Gebaren, das der Schweizer Soziologe und UN-Botschafter Jean Ziegler in seinem Buch „Der Hass gegen den Westen“ gut beschrieben hat. Wenn westliche Führungseliten tatsächlich auf der Grundlage humaner Prinzipien handeln würden, müssten sie gegen die derzeitige Politik der Regierung Netanjahu mit Vehemenz vorgehen. Mit ihrer Unfähigkeit und ihrem Unwillen, die jeweils andere Seite von Konflikten und deren komplexen Ursachen zu erkennen, produzieren die konservativ-neoliberalen Eliten „ihre Feinde“ permanent selbst. Gegen diese Blindheit und Selbstgerechtigkeit erhebt Grass seine Stimme: gut so!

Dr. Edgar Göll, Berlin-Schöneberg

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, als hätte es Hölderlin geahnt, dass eines Tages ein Schriftsteller als Retter mit einer wichtigen Mahnung daherkommt. Günter Grass – und nicht nur er – hat die Gefahr erkannt. Nun hat er gewagt, sie zu formulieren. Der ängstlichen, entleerten Sprache vieler Politiker wäre das so nicht möglich gewesen. Casdorff kann doch nicht entgangen sein, dass die Regierung Netanjahu eine Rhetorik benutzt, die zum Krieg drängt, die in der Welt umhertingelt, um Verbündete für diesen bevorstehenden Militärschlag zu gewinnen. „Ein Freund sagt auch Bitteres“ sagt ein türkisches Sprichwort. Günter Grass ist bestimmt kein Feind Israels. Als Freund sollte die israelische Regierung endlich ihre aggressive Iran-Poltik überdenken und ganz einfach dem erfolgreichen, deutschen Modell „Wandel durch Annäherung“ folgen.

Heidemarie Blankenstein,

Berlin-Friedenau

Herrn Martensteins Gedicht ist inhaltlich und formal dem Grass-Pamphlet haushoch überlegen. Es könnte mit letzter Tinte geschrieben sein und die Debatte abschließen.

Heinz Wewer, Berlin-Zehlendorf

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