Künftige Sperrung am Hauptbahnhof : Berlin ist das Mainz der Zukunft

In Berlin halten 2015 keine Regionalzüge und keine S-Bahnen mehr am Hauptbahnhof - es drohen Mainzer Verhältnisse. Schuld sind diesmal aber keine krank gewordenen Fahrdienstleiter, weiß Harald Martenstein. Es sind billige Schrauben.

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2015 wird der Berliner Hauptbahnhof teilweise gesperrt sein.
2015 wird der Berliner Hauptbahnhof teilweise gesperrt sein.Foto: dpa

In Mainz funktioniert der Bahnhof nicht mehr. Aus diesem Anlass habe ich, in der Tradition von Günter Grass, ein politisches Gedicht verfasst: Ein Bahnhof, wo nichts fährt, der ist sein Geld nicht wert. Ein Bahnhof ohne Züge ist eine schlimme Lüge. In einer Zeitung wurde jetzt die Information veröffentlicht, dass die Bahn mit ihrer Netzgesellschaft Gewinne von mehr als 20 Prozent erwirtschaftet. Profitrate: 20 Prozent! Der einzige Geschäftszweig, in dem die Gewinne noch höher sind als bei der Bahn, ist vermutlich der Kokainhandel. Wenn der Dealer Millionen kassiert und dann seinen Kunden den Stoff nicht liefert, wird er in den meisten Fällen erschossen. Beim Management der Bahn erscheint mir eine mildere Strafe völlig ausreichend.

Leute – ich muss euch ein Geheimnis verraten. Berlin ist das Mainz der Zukunft. Im Sommer 2015 wird auch der Berliner Hauptbahnhof für mindestens drei Monate teilweise gesperrt. Ja, ganz recht: In unserem guten, alten Berlin halten 2015 keine Regionalzüge und keine S-Bahnen mehr am Hauptbahnhof. Fernzüge sollen angeblich verkehren, teilweise, aber man weiß ja inzwischen, was von solchen Versprechen zu halten ist.

An den Schrauben wurde gespart

Der Berliner Hauptbahnhof, eröffnet 2006, muss saniert werden. Da fragt man sich: Was ist kaputt? Was kann an einem nagelneuen, superteuren Bahnhof mit Weltniveau denn so kaputt sein, dass man ihn nach ein paar Jahren teilweise wieder zumachen muss? Es sind die Schrauben. Die Schrauben sind hinüber. Sie zerbrechen unter der Last der Züge. Das waren keine guten Schrauben. Schreckschrauben sind das gewesen. In Mainz haben sie an den Fahrdienstleitern gespart – in Berlin waren es die Schrauben. Die Mainzer Fahrdienstleiter kann man immerhin aus dem Urlaub zurückholen, bei einer Berliner Schreckschraube geht das nicht. Jetzt sagt man sich, Schraube kaputt, da fährst Du zum Baumarkt, kaufst eine neue Schraube, drehst sie hinein, fertig. Das kann unmöglich Monate dauern. Doch. Kann es. Am Berliner Hauptbahnhof haben sie die Schrauben in Beton eingegossen. Jede einzelne, verdammte Schraube ist ein Höllenjob. Irgendjemand hat gedacht: Diese Schrauben werden ewig halten. Die gießen wir in Beton, weil die frühestens in 1000 Jahren ausgetauscht werden müssen. Außerdem herrschte Zeitdruck.

Der Staat schluckt die Gewinne

Der Sparkurs bei der Bahn hat drei Ursachen. Erstens, die Gewinne werden nicht reinvestiert, der Staat schluckt die Gewinne. Zweitens, sie bauen in Stuttgart für sechs bis hundert Milliarden den wahrscheinlich überflüssigsten Bahnhof der Menschheitsgeschichte. Drittens, ein früherer Bahnchef wollte unbedingt an die Börse. Jetzt leitet er den Berliner Flughafenbau. Es herrscht Zeitdruck. Ich sage dazu nur: Ein Königreich für ein Pferd.

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