Leserbriefe : Russisches Roulette Schiefe Wahrnehmung Fehler des Fluglotsen Ganz trauriges Kapitel der Flugsicherung Flugbetrieb einschränken!

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Betrifft: „Fluglotse wies den Kollisionskurs an“ vom 9. Juli 2002

Hier hat nicht eine unglückliche Verkettung einzelner geringfügiger Fehler zur Katastrophe geführt, sondern ein Bündel gewissensloser Leichtfertigkeit. Von nur zwei Flutlotsen hat einer Pause gemacht, und der andere hat geträumt. Er hat in seinem Luftraum weniger gesehen als andere Lotsen, die dafür gar nicht zuständig waren. Der Lotse weiß zwar nicht, ob ein Flugzeug mit einem funktionierenden Kollisions-Warnsystem ausgerüstet ist. Aber er kennt die Funktion der Systeme. Wenn er in letzter Sekunde einem Flugzeug Anweisungen gibt, dann muss er auch dem anderen Flugzeug Anweisungen geben. Das hat er nicht getan. Er hat mit den Flugzeugen ein makabres Spiel gespielt: Russisches Roulette. Wenn sich der Zusammenstoß über Russland abgespielt hätte, hätte die Welt gesagt: „Typisch“.

Franz Wallner, Berlin-Zehlendorf

Betrifft: „Der Absturz: Suche nach Schuldigen“ vom 3. Juli 2002

Die Flugzeugkatastrophe vom Bodensee ist eine fürchterliche Katastrophe. Mitleid gilt all den Opfern und deren Angehörigen.

Aber irgend etwas stimmt nicht in der Wahrnehmung der Presse und der Bevölkerung. Wenn dieser Brief gedruckt wird, sind seit dem Flugzeugunglück allein in Deutschland mehr Menschen auf den Straßen tödlich verunglückt als bei der Flugzeugkatastrophe. Davon steht einmal pro Jahr etwas in der Zeitung. Nämlich, wenn die Unfallstatistik veröffentlicht wird. Der Artikel darüber steht aber meist nicht auf der ersten Seite, er hat nur wenige Zeilen, und er wird in der Regel begleitet von der Zufriedenheit, dass es in diesem Jahr wieder ein paar Menschen weniger sind, die im Straßenverkehr dran glauben mussten. Ich weiß, dass keine Zeitung jeden Tag über das tote kleine Mädchen schreiben will, welches auf dem Schulweg unter den Pkw geraten ist. Aber wie wäre es damit, täglich auf der ersten Seite an prominenter Stelle schlicht die Anzahl der in Deutschland Getöteten und Schwerverletzten vom Vortag zu nennen? Das wäre eine kleine Tabelle mit vier Zeilen, die es in sich hätte.

Uwe Büsgen, Berlin

Betrifft: „Fluglotse wies den Kollisionskurs an“ vom 9. Juli 2002

Der Fluglotse musste in der Lage sein abzuschätzen, dass bis zur potentiellen Kollision lediglich noch rund 30 bis 60 Sekunden vergehen würden. Der Fluglotse wusste auch, das alle Flugzeuge, die im deutschen Luftraum operieren, ein TCAS an Bord haben, und dass dieses TCAS genau 60 Sekunden vor Kollision „Traffic“ meldet, und 45 Sekunden vor Kollision jedem Fluggerät ein gegensätzliches Ausweichmanöver (dem die Piloten folgen müssen) befiehlt.

Die entscheidende Frage ist doch dann wohl: Wieso hat der Lotse, obwohl er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen musste, das beide Flugzeuge bereits automatische Befehle haben, nicht einfach einer der beiden folgenden Optionen gewählt: Entweder beide Maschinen sollen Ihren TCAS-Befehlen folgen; wenn kein TCAS-Befehl da wäre, dann solle die eine Maschine sinken, die andere steigen! Oder Anfrage: Haben Sie TCAS an Bord, und hat es schon reagiert?

Der Fehler lag ganz klar beim Fluglotsen. Insbesondere die zweite Aufforderung zum Sinkflug war ein glatter 72-facher Totschlag.

Alexander Schubert, Los Angeles

Betrifft: „Der Absturz: Suche nach Schuldigen“ vom 3. Juli 2002

Dass wir im Jahre 2002 in Europa noch mit einem Zusammenstoß zweier Flugzeuge in der Luft konfrontiert werden, gehört zu den ganz traurigen Kapiteln der europäischen Flugsicherung. Seit 40 Jahren gibt es eine eigens dafür geschaffene Organisation zur Sicherung der Luftfahrt: „Eurocontrol“. Diese Institution darf mit Recht darauf verweisen, die erste und noch immer einzige europäische Flugsicherungszentrale (Maastricht Upper Area Control Centre) geschaffen zu haben. Dabei muss hervorgehoben werden, dass in dieser Zentrale seit 1978 ein von den Fluglotsen begeistert angenommenes automatisches Konfliktwarnsystem entwickelt wurde und im Einsatz ist. Dieses System hilft seit fast 25 Jahren nachweislich, solchen Katastrophen vorzubeugen. Es gehört gleichfalls zu den ganz traurigen Kapiteln unserer europäische Bemühungen, dass solche Lösungen noch immer nicht in vielen Ländern unseres Kontinents Eingang gefunden haben, weil nationale Egoismen die rechtzeitige Verbreitung dieses Fortschritts verhindert haben. Ich bin sehr besorgt, dass selbst dieser leidvolle Absturz noch immer nicht ausreicht, diese europäischen Bestrebungen endlich zum Durchbruch zu verhelfen.

Hansjürgen Freiherr von Villiez, Berlin

Betrifft: Katastrophe über Überlingen

Tegeler See? Wannsee? Müggelsee? Welche Region ist als nächste dran? Mit aller Deutlichkeit und Härte wird uns gezeigt, an welch dünnem Faden die Sicherheit im Luftverkehr eigentlich hängt. Täglich und überall droht die Gefahr eines neuen Luftfahrtunglücks, und diese Unsicherheit steigt wegen der ständigen Zunahme der Flugbewegungen. Die innerstädtischen Flughäfen Tegel und Tempelhof konzentrieren das Risiko über dichtbewohntem Gebiet in besonderem Ausmaß. Es ist deshalb unverständlich und unverantwortlich, dass zusätzlich immer noch Nostalgieflüge, Sightseeingflüge und Werbeflüge über dem Stadtgebiet stattfinden. Wir fordern von den Aufsichtsbehörden, endlich dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung mehr Rechnung zu tragen und derartigen Flugbetrieb über dem gesamten Stadtgebiet zu untersagen.

Rolf-Roland und Doris Bley, Berlin

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