Leserbriefe : Wie frei sind die Deutschen?

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Foto: Promo

Zur Berichterstattung über den 20. Jahrestag des Mauerfalls

Kein Wort wurde beim Gedenken des Mauerfalls so oft in den Mund genommen wie Freiheit. Die historische Wende am 9. November 1989 verdient zweifellos ein wunderbares Fest und auch große Worte. Aber was für eine Freiheit haben wir denn da errungen und was ist aus ihr geworden? Was bedeutet denn politische Freiheit, seinen Abgeordneten zu wählen, wenn die wichtigen Entscheidungen gar nicht mehr im Parlament, sondern auf exklusiven Golfplätzen und den Chefetagen von Banken und Großkonzernen getroffen werden? Was heißt denn Reisefreiheit für einen Hartz-IV-Empfänger? Und welche Freiheit genießen die Hunderttausenden von Zwangsprostituierten in den Bordellen Europas oder die Scharen von illegalen Migranten, die für Hungerlöhne in Hinterhöfen schuften?

Die meisten politischen Promis, die da so hehr von Freiheit redeten, vergaßen zu erwähnen, dass persönliche Freiheit nur durch Verantwortung für das Allgemeinwohl erhalten werden kann. Die Glorifizierung der totalen Freiheit als einzigen Wert endet in der Freiheit der Spekulanten, die sich ihre Spielverluste vom Steuerzahler bezahlen lassen. Es ist die Freiheit einer Generation, auf Kosten der kommenden Generationen zu leben, und die Freiheit der mächtigen Staaten, die Ressourcen der anderen Völker plündern zu dürfen. Ist das die Freiheit, die wir am Brandenburger Tor gefeiert haben? Muhammad Yunus hat an der Styropormauer das wichtigste Wort gesagt: „Die Mauer der Armut muss eingestürzt werden.“

Wolfgang Schonecke, Berlin-Wedding

Sehr geehrter Herr Schonecke,

das zwanzigste Jahr des Mauerfalls ist ein guter Anlass, noch einmal die Ereignisse von damals an sich vorüberziehen zu lassen, darüber nachzudenken, was uns damals für einen kurzen historischen Moment zum glücklichsten Volk der Erde gemacht hat. Und dann wieder neu zu wissen, warum es sich lohnt, die Freiheit zu verteidigen, weil sie das Einzige ist, was zählt.

Die friedliche Revolution, die nicht nur die DDR, sondern ganz Osteuropa erfasst hatte, endete mit einem nie erwarteten Erfolg. Es verschwanden der Eiserne Vorhang, die Sowjetunion, der Warschauer Pakt, die Teilung Europas. Es entstand die Möglichkeit, das Zeitalter der Kriege durch ein Zeitalter des Friedens abzulösen. Wir haben die Gefahren der Berge hinter uns gelassen und sind jetzt bei den Mühen der Ebene. Ob wir erfolgreich sein werden, hängt vor allem davon ab, welchen Stellenwert die Freiheit in unserem Selbstverständnis behält . Die Eltern unseres Grundgesetzes haben bewusst der Freiheit den höchsten Rang eingeräumt.

Unmittelbar nach Artikel 1 folgen gleich drei Artikel, die Freiheitsrechte garantieren. Im Artikel 2 die persönlichen Freiheitsrechte, im Artikel 4 die Glaubens- und Gewissensfreiheit und Artikel 5 die Freiheit der Meinung, Kunst und Wissenschaft. Kein anderer Begriff nimmt im GG einen so breiten Raum ein. Die Gleichheit wird im Artikel 3 als "Gleichheit vor dem Gesetz" definiert, im Artikel 1 werden die "unveräußerlichen Menschenrechte" als "Grundlage… jeder menschlichen Gemeinschaft … und der Gerechtigkeit in der Welt" bezeichnet.

Mit anderen Worten, ohne Freiheit und Menschenrechte, gibt es weder Gleichheit vor dem Gesetz noch Gerechtigkeit. Freiheit ist also kein leerer Begriff. Das heißt aber nicht, dass sie automatisch die Lösung aller Probleme ist. Die Menschen, die 1989 das Joch der Unfreiheit abgeschüttelt haben, wollten ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen, nicht das Paradies auf Erden errichten. Alle haben dabei gewonnen. Den Hartz-IV-Empfängern geht es heute materiell besser, als es dem DDR-Durchschnittsverdiener trotz harter Arbeit je ging. Er kann Dinge essen, die den Ostblockbewohnern kaum dem Namen nach bekannt waren. Er lebt in einer ferngeheizten Wohnung mit Bad und Telefon, ein Komfort, von dem viele vor 1989 nur träumen konnten. Und das Reisen? Es gibt jede Menge günstige Angebote. Reisen kann man auch ohne viel Geld.Visagebühren und Zwangsumtausch sind heute Fremdworte. Die Reichen haben die größeren Fincas auf Mallorca, aber die Insel gehört längst allen. Die illegal Eingereisten sind hier, weil sie den bedrückenden Verhältnissen in ihrer Heimat entkommen wollten. Sie sind ein Argument für und nicht gegen die Freiheit. Jedem steht es frei, seinen Einfluss als Wähler, Mitglied einer Bürgerinitiative oder in einer Partei dafür einzusetzen, dass Menschen, die mit ihrer Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen, bei uns willkommen sind. Jedem steht es frei, sich gegen Missstände wie Zwangsprostitution stark zu machen.

Freiheit und Demokratie garantieren nicht automatisch die Abwesenheit aller Missstände, sind aber eine gute Voraussetzung für ihre Beseitigung, wenn man die Mühen der Ebene nicht scheut.

Mit freundlichen Grüßen

— Vera Lengsfeld (CDU),

Autorin und ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin

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