Lesermeinung : Bürger und Antifa sind nicht zu trennen

Danke Antifa, bitte Antifa. Wie Neonazis am besten zu bekämpfen wären, wird von unseren Lesern engagiert diskutiert. Hier antwortet Kevin Frantz auf den Beitrag unseres Redaktionsleiters Markus Hesselmann.

Kevin Frantz
Mitglieder der Antifa protestieren am 13.04.2013 gegen einen Aufmarsch von Rechtsextremisten in Plauen (Sachsen).
Mitglieder der Antifa protestieren am 13.04.2013 gegen einen Aufmarsch von Rechtsextremisten in Plauen (Sachsen).Foto: dpa

Mit Interesse habe ich Ihren Artikel, welcher am 1. Februar 2014 im Tagesspiegel erschien, gelesen. Ich hoffe meine Kritik an diesem ist eine Bereicherung für Sie.

Zunächst möchte ich anmerken, dass Sie in diesem Artikel die Begriffe „Linksextremismus“ und „Rechtsextremismus“ verwenden. Diese Begrifflichkeiten setzen allerdings zwei homogen-polische Pole voraus. In der Praxis ist dies allerdings nicht gegeben, da die Antifa ein pluralistisches Sammelbecken für die verschiedensten politischen Strömungen ist. So ist es kein Widerspruch in manchen Antifas Anarchist*innen, in anderen dafür Kommunist*innen, Sozialdemokrat*innen, oder sogar „Bürger“, um ihre Termini zu verwenden, zu finden.

Dies liegt an der dezentralen Struktur der Antifa. Auf Grund dessen gleicht die pauschalisierende Unterstellung, die Antifa habe eine „Klassenkampfhaltung“, einer Verleumdung. Denn auf Grund ihrer dezentralen Struktur sind die Methoden und Wirkungsfelder der Antifa von Land zu Land, von Region zu Region, von Ort zu Ort und teils auch von Straße zu Straße unterschiedlich.

Spalterei in Bürgertum und Antifa

Die in ihrem Artikelvorgenommene Trennung zwischen „Bürgern“ und Antifa erzeugt indessen die Illusion von Klassen und hat eine Klassenkampfmentalität. Phrasen wie „Wir überlassen den Kampftruppen die Drecksarbeit und statten unseren Dank ab“, sowie „Solange ihr Bürger nichts […] tut, brauchen wir halt die Antifa“ zeugen von Spalterei in Bürgertum und Antifa, welche in der Praxis nicht gegeben ist.

Linke Demo gegen Gewalt und Rassismus
Entspannte Gesichter vor dem Polizeipräsidium. Bis hierhin ließen die Beamten die Demonstranten ziehen.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Sidney Gennies
21.05.2011 18:41Entspannte Gesichter vor dem Polizeipräsidium. Bis hierhin ließen die Beamten die Demonstranten ziehen.

Zudem finde ihre Gleichsetzung, gewaltbereiter Antifagruppen mit Faschist*innen durch den Satz „[...] dass friedliche Demonstranten zwischen die Fronten gewaltbereiter Links- oder Rechtsextremisten geraten“ in diesem Kontext ein sehr starkes Stück. Zum einen unterstellen Sie somit jeder Person, welche sich in den antifaschistischen Gruppierungen partizipiert, Gewaltbereitschaft, welche nicht gegeben ist, da die Masse der Antifaschist*innen Pazifist*innen sind. Zum anderen setzen Sie Sachbeschädigungen mit faschistischen Angriffen auf Menschen und Mord gleich. Gerade unter dem Aspekt der NSU-Mordserie würde ich mir ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl wünschen.

Den Höhepunkt des schlechten Geschmacks erreicht ihr Artikel allerdings mit der Aussage:

„Die Straßen und Saalschlachten haben eher noch zur Sehnsucht nach angeblich stabilen Zuständen unter einem starken Führer beigetragen“. Hiermit geben Sie direkt den Kommunist*innen die Schuld am Führerstaat, am Dritten Reich und somit am Holocaust. Solche Vergleiche sind nicht angemessen und entbehren jeglicher vernünftigen Argumentation.

Eine Analyse der Gründe für den zweiten Weltkrieg würde Sie zu der Erkenntnis führen, dass hauptsächlich ökonomisch Instabilität, ein historisch bedingter Fetisch zum Militär und der Nationalismus, Hitler zum Aufstieg verholfen haben.

Gegen den Mob

Sie schließen Ihre Artikel mit der Forderung ab, dass die Antifa sich bei den friedlichen Demonstrant*innen einreihen soll. Warum lautet Ihre Forderung nicht, dass die „Bürger“, wie Sie jene bezeichnen, den Antifablock durch Zivilcourage im Alltag, sowie eine überdurchschnittliche Präsenz auf Demonstrationen irrelevant machen.

Denn wenn wir keine Antifaschist*innen mehr haben, wer soll sich dann dem nächsten Hellersdorfer-Mob entgegen setzen? Soll Rostock-Lichtenhagen wieder geschehen?

Adorno hat einst gesagt, dass die Prämisse jeder Erziehung die Forderung sei, dass Auschwitz nicht noch einmal passiere. Sie gehe jeglicher anderen so sehr voran, dass er weder glaube sie begründen zu müssen, noch zu sollen.

Sie als Redakteur bilden und „erziehen“ Menschen. Sie können sich entscheiden in welche Richtung Sie Menschen bilden möchten. Aber bitte seien Sie sich Ihrer Verantwortung als Redakteur bewusst. Ohne Zivilcourage kann sich der Faschismus entfalten.

Denn: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf“.

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