Lufthansa : Auch Piloten dürfen streiken!

Die Piloten der Lufthansa nutzen ihre Marktmacht, um ihre Interessen durchzusetzen. Das ist nervig für die Betroffenen. Und dennoch: Politische Angriffe auf das Streikrecht sind unangebracht.

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Die Lufthansa-Piloten legen mit ihrem Streik mehrere deutsche Flughären lahm. Foto: afp
Die Lufthansa-Piloten legen mit ihrem Streik mehrere deutsche Flughären lahm.Foto: afp

Was wird ihnen alles vorgeworfen: Maßlosigkeit, Gier, Geiselnahme. Dazu kommen Wirtschaftsdelikte – sie schädigen die Volkswirtschaft, besonders die Reise- und die Tourismusbranche. Sie bringen uns alle um Milliarden Euro! Die Rede ist von den Lufthansa-Piloten, die am Tag eins des großen Streiks gern als flugfähige, aber flugunwillige Personifizierung der Habgier dargestellt werden. Um in der Kategorie der volkswirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe zu bleiben: Wären die Flugzeugführer der Lufthansa nicht in der Luft, sondern im Wasser unterwegs, müsste man ihren Streik direkt mit dem Elbe-Hochwasser 2013 vergleichen. Sie verdienen so viel wie Führungskräfte, las man schon am Tag zuvor, und nun streiken sie, um ihre Privilegien zu sichern – Vorruhestandsregelungen, von denen Otto Normalarbeitnehmer nur träumen kann.

Selig das Land, in dem Verteilungskonflikte wie der zwischen der Lufthansa und ihren Piloten für so viel Aufsehen und Aufregung gut sind. Es ist ein Land, das in der europäischen Streiktage-Statistik einen der letzten Plätze innehat. Es ist ein Land, in dem große Unternehmen und mitgliederstarke Gewerkschaften so etwas wie eine konsensuale Krisenbewältigungspolitik entwickelt haben und große Unternehmen wie Opel als too big to fail angesehen werden. Die Regierenden dieses Landes haben vor ein paar Wochen in ihrer Koalitionsvereinbarung erklärt, sie setzen „auf ein intelligentes Zusammenspiel von Markt und Staat in Kooperation mit Unternehmern und Arbeitnehmern, Unternehmen und Gewerkschaften“. Ob das Wort „Markt“ versehentlich in den Vertrag geraten ist?

Die Piloten fühlen sich von der Lufthansa geprellt

Nichts anderes als ihre Marktmacht nutzen die Piloten der Lufthansa, um ihre Interessen durchzusetzen. Sie sind, anders als Tagelöhner auf einer Großbaustelle, nicht ohne Weiteres zu ersetzen. Ihre Ausbildung macht sie zu Spezialisten, deren Fähigkeiten viel Geld wert sind – für sie selbst ebenso wie für die Unternehmen, in deren Diensten sie stehen. Damit üben sie Druck aus in einer Auseinandersetzung, in der sie sich von ihrem Arbeitgeber geprellt fühlen: Den Lufthansa-Piloten geht es darum, ihre Übergangsversorgung zu behalten; die erlaubte es ihnen bislang, mit 55 Jahren den Dienst zu quittieren, wenn sie sich nicht mehr fit genug fühlten.

Ein Privileg, für das es Gründe gab, über die man streiten kann. Nicht-Piloten leiden, wenn sie sich mit 55 nicht mehr fit genug für den Job fühlen, womöglich am Burn-out oder an chronischen Rückenschmerzen. Die Lufthansa will die Vorruhestandsregelung abschaffen, weil sie sparen muss, um im Sinn ihrer Aktionäre mehr Gewinn zu machen. Der Pilotenstreik trifft alle, die mit der Lufthansa fliegen wollten und umplanen müssen. Der Ärger dieser Menschen erhöht den Druck auf das Unternehmen. Das ist Streik-Normalität: nervig für Betroffene, banal für entfernte Betrachter.

Die CDU will eine Änderung des Streikrechts diskutieren

Seltsam daran ist jedoch, wie die Politik damit umgeht. Schon vor dem Abschluss des Koalitionsvertrags hatten sich Fachpolitiker von Union und SPD darauf verständigt, den Spartengewerkschaften die Existenz zu erschweren. Das Prinzip „ein Betrieb, ein Tarifvertrag“ solle gesetzlich festgelegt werden, hieß es im November. Der Angriff galt und gilt den gewerkschaftlich organisierten Spezialisten, ob sie Flugzeuge fliegen oder Lokomotiven führen.

Daran erinnert der CDU-Mann Arnold Vaatz, er ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender, wenn er jetzt im Zusammenhang mit dem Pilotenstreik von „Verhältnismäßigkeit“ und „Chancengleichheit“ spricht und eine Änderung des Streikrechts diskutieren will. Vaatz meint, es könne nicht sein, dass eine Gewerkschaft, deren Mitglieder an wichtigen Schaltstellen säßen, ihre Position nutze, um bei der Tarifentwicklung schneller voranzukommen als andere.

Was für ein seltsamer Gedanke: Als seien berufliches Spezialistentum und Fachkunde nur erwünscht, wenn sie im gleichen Maß zu materiellen Verbesserungen führen wie eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst. Man darf gespannt sein, ob die Ex-Arbeiterpartei SPD und ihre Abgeordneten beim Angriff auf das Streikrecht mitmachen.

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