Medien und Skandale : Bis zum Platzen aufgeblasen

Vor 40 Jahren begann die Watergate-Affäre. Heute erregen sich die Medien über einen fliegenden Ministerteppich. Während die Missstände abnehmen, nimmt die Frequenz der Skandale zu.

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Die Mutter aller Skandale. Die Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward machten die Watergate-Affäre bekannt. Das Bild zeigt sie kurz nachdem sie erfahren haben, dass die Washington Post für diese Recherche den Pulitzer-Preis bekommen hat.
Die Mutter aller Skandale. Die Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward machten die Watergate-Affäre bekannt. Das Bild zeigt...Foto: p-a

Die Medien decken keine Skandale auf. Skandale sind keine vorgegebenen Sachverhalte, die man aufdecken und berichten kann, sondern die Folge der öffentlichen Kommunikation über Missstände. Zwischen Missständen und Skandalen besteht ein kategorialer Unterschied. Es gibt viele Missstände, die nicht zum Skandal werden, obwohl sie bekannt sind. Als im Frühsommer 2011 die Erkrankung von 4320 Menschen an Ehec-Infektionen mit über 50 Todesopfern einen Skandal auslöste, starben im gleichen Zeitraum in Deutschland zwischen 1600 und 2500 Menschen an Infektionen, die sie sich in Krankenhäusern zugezogen hatten. Jedes Jahr sind es zwischen 10 000 und 20 000. Das ist seit langem bekannt und darüber wird gelegentlich berichtet. Einen Skandal ausgelöst hat das aber nicht. Einige Monate nachdem die geldwerten Vorteile von Bundespräsident Christian Wulff zu einem der größten Skandale der Nachkriegsgeschichte geworden waren, wurde die kurz bevorstehende Eröffnung des neuen Berliner Großflughafens überraschend verschoben und die Gäste wieder ausgeladen. Der Imageverlust ist groß, die Zahl der Betroffenen riesig und der finanzielle Schaden gewaltig. Zum Skandal wurde das außerhalb von Berlin nicht.

Hans Mathias Kepplinger ist Professor für Empirische Kommunikationsforschung am Institut für Publizistik in Mainz.
Hans Mathias Kepplinger ist Professor für Empirische Kommunikationsforschung am Institut für Publizistik in Mainz.Foto: privat

Die größten Missstände gibt es in den Ländern mit den wenigsten Skandalen – den Ländern der Dritten Welt und den Schwellenländern. Die meisten Skandale gibt es in den Ländern mit den geringsten Missständen – den liberalen Demokratien in Europa und Amerika. Das gilt für Umweltschäden, Korruption und den Missbrauch politischer Macht. Man kann weder von der Zahl der Skandale auf die Größe der Missstände schließen, noch von der Größe der Missstände auf die Zahl der Skandale. Zum gleichen Ergebnis führt eine historische Betrachtung. Die größten Umweltschäden gab es in Deutschland in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Zum Skandal wurden das jährliche Fischsterben im Rhein und die Verpestung der Luft im Ruhrgebiet aber nicht. Größere Umweltskandale gab es erst in den siebziger und achtziger Jahren, als in Folge der Gesetzgebung der sozial-liberalen Koalition die Umweltschäden bereits zurückgingen. Im politischen Bereich verlief die Entwicklung ähnlich. Die Rückkehr von NS-belasteten Personen in die Politik, darunter Theodor Oberländer und Hans Globke, wurde zwar wiederholt öffentlich kritisiert. Skandale entstanden daraus nicht. Zum Skandal wurden dagegen diskussionswürdige Äußerungen von lupenreinen Demokraten, die Reden Philipp Jenningers zur Erinnerung an die „Reichskristallnacht“ etwa und diejenige Martin Walsers über die Instrumentalisierung der Deutschen Verbrechen.

In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ging es bei der Starfighter-Affäre um das Leben der Piloten und bei der Spiegel-Affäre um die Freiheit der Presse; in den achtziger Jahren bei der Flick-Affäre um die Unabhängigkeit der Parteien und bei der Neue-Heimat-Affäre um die Existenzberechtigung der Gemeinnützigen Gesellschaften. Heute geht es um privat genutzte Bonusmeilen (Gysi, Özdemir), Urlaubseinladungen und Hotelrechnungen (Wulff) und einen unverzollten Teppich (Niebel). Ähnliche Veränderungen kann man in den USA feststellen. Dies belegt ein Vergleich der Skandalisierung Richard Nixons im Watergate-Skandal, dessen Beginn sich heute zum 40. Mal jährt, mit der Skandalisierung Bill Clintons im Lewinski-Skandal. Als Folge dieser Entwicklung haben sich seit den fünfziger und sechziger Jahren die Diskrepanzen zwischen Missständen und Skandalen umgekehrt. Damals gab es große Missstände und allenfalls kleine Skandale, heute gibt es große Skandale auch bei kleinen Missständen. Die Missstände haben nicht zugenommen, ihre Darstellung hat sich geändert.