MEINE Heimat : Wer alles zu Istanbul schweigt

All jene, die jedes bundesdeutsche Problem skandalisieren und lautstark ihr Recht einfordern, schweigen jetzt beharrlich zu den Vorgängen ihres Herkunftslandes. Gibt es dafür einen Grund, der sich mir noch nicht erschlossen hat?

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Es war nicht ganz einfach, über die Vorgänge in der Türkei halbwegs objektiv informiert zu bleiben. Meine erste Beobachtung war, Berichterstattung misst mit unterschiedlichen Standards. Erst als alle ausländischen Sender, inklusive des chinesischen Staatsfernsehens, über die Proteste berichteten, beendeten die größten Fernsehanstalten der Türkei ihre Kochshows und Tiersendungen. Das allein war eine bemerkenswerte Ungleichheit der öffentlichen Meinung, da in den ländlich geprägten Regionen lange niemand mitbekam, was in Istanbul und fast 50 anderen Städten los war.

Ein demokratisch gewählter Ministerpräsident hat anschließend nicht etwa zu seinem Volk gesprochen, nein, er sprach zu jenen, die nicht informiert waren und zu jenen, die ihn mit 50 Prozent ins Amt wählten. Er bediente sich dabei einer Wortwahl, die man sonst nur aus jenen Ländern kennt, die ihre Regierung nicht wählen, sondern einen Alleinherrscher vor die Nase gesetzt bekommen. Dass andere Regierungspolitiker versuchten, die Wogen zu glätten, während überall dort, wo keine Kameras waren, weiter geprügelt wurde, konnte auch nicht übertüncht werden. Die technikaffinen Protestler stellten alles ins Netz und sorgten, wenn auch mit dem Defizit, dass nicht alles nachprüfbar war, für eine breite Öffentlichkeit.

Natürlich wurde mir in den vergangenen zwei Wochen schnell klar, dass mir die ganzen Details der Debatten in der türkischen Innenpolitik, die Personen, die Interessen und die Strömungen kaum bekannt sind. Ich bin eine bundesdeutsche Demokratin, die in den 1980er Jahren in der Arbeiterstadt Duisburg angefangen hat, sich politisch zu engagieren. Meine Generation ist die Kohl-Generation, und vielleicht ist das der Grund, warum bei mir der Wille besonders ausgeprägt ist, meine Meinung zu vertreten. Das gehört für mich nicht nur zu meinen Rechten, sondern auch zu meinen Pflichten als Demokratin.

Umso mehr hat es mich verwundert, wer in den letzten Tagen zu den Protesten alles geschwiegen hat, wer abtauchte. Auch jene, die jedes bundesdeutsche Problem skandalisieren können und lautstark ihr Recht einfordern, aber jetzt beharrlich zu den Vorgängen ihres Herkunftslandes schweigen. Ich meine nicht meinen Gemüsehändler, die Kindergärtnerin, den Schneider oder den Bundesliga- Profi. Ich meine die Abgeordneten der Landtage und Bundestage, die Staatssekretäre, die Senatoren und Landesminister. Und da frage ich mich, hat man sich so sehr arrangiert, ist es schlichtweg nicht opportun, sich mit der Straße zu solidarisieren oder steckt ein höherer Sinn dahinter, der sich mir noch nicht erschlossen hat?

Im Gezi-Park protestieren Bürger für ihre Rechte. Es kommt einem bisweilen amateurhaft, kindlich-naiv bis unbedarft vor, wie sich dort eine Haltung gegen die Staatsmacht manifestiert. Aber auch wenn Gruppen-Yoga und Tangotanzen als Protestform belächelt werden, was diese Menschen unseren Politprofis voraus haben ist, dass sie zumindest wissen und äußern, wofür sie stehen. Oder wie mein Vater sagen würde. „Hem Isa’yi hem de Musa’yi memnun edemessin.“ Du kannst nicht gleichzeitig Jesus und Moses gefallen.

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