Meinung : Mit der tiefsten Einfühlung

„Provokative Häresie“ vom 7. Juni

Will man sie nicht von vornherein als Polemik abtun, deren vornehmliche Absicht es ist, der Ideologie des Intellectual Design akademische Dignität zu verleihen, so ist der Kritik von Thomas Nagel an den von ihm in Bausch und Bogen als reduktionistisch beanstandeten Verfahren und Modellen, mit denen naturwissenschaftliche Erklärungen arbeiten, zumindest Folgendes entgegenzuhalten: Reduktion ist unvermeidbar. Jedes Modell, auch in der Naturwissenschaft, ist notwendigerweise reduktionistisch, ansonsten hat es keinerlei Erklärungswert. Würde etwa die Geografie Nagels Kritik Rechnung tragen, müsste sie, um jedwede Reduktion zu vermeiden, eine 1:1- Weltkarte erstellen, diese aber erklärt ihren Gegenstand nicht – sie verdeckt ihn. Wo Modelle erklären, da können sie dies nur, insofern sie nicht alle Faktoren und Bedingungen eines Phänomenbereichs zugleich berücksichtigen.

Es ist allerdings gute wissenschaftliche Praxis, bei der Verwendung von Modellen stets auch darauf zu achten, was sie ausblenden. Kritik ist indes da berechtigt, wo sie sich gegen reduktionistische Tendenzen richtet, die ihre Einsichten verabsolutieren, wenn also die in einem Modell repräsentierten Aspekte für das Ganze der Wirklichkeit gehalten werden. Gerade dieser bedenklichen Form einer sich verabsolutierenden reduktionistischen Sichtweise scheint indes Nagel selbst zu unterliegen, wenn er die Naturwissenschaften auf das Bild reduziert, das er von ihnen hat und als vollständige Beschreibung von deren Verfahren ausgibt, was tatsächlich ein Zerrbild ist, das nur zutrifft, wo naturwissenschaftliche Resultate in schlechtem Sinn popularisiert und zur Weltanschauung werden.

Berechtigt wäre seine Kritik in dem Fall, wo etwa ein Neuropsychologe allen Ernstes behauptet, aufgrund bildgebender Verfahren über neuronale Netzwerkaktivitäten eine Erklärung dafür zu haben, warum Frauen angeblich schlechter einparkten als Männer – aber eben dieses Beispiel zeugt nicht von seriöser Wissenschaft, sondern von Weltanschauung und vielleicht auch degoutantem Streben nach Medienpräsenz. Ferner: Bevor Nagel die Fähigkeit des Menschen zur Empathie in Abrede stellt, wünschte man ihm Zeit, sich in die richtigen Bücher zu vertiefen. Beispiele aus der Literatur zeigen in Fülle, zu welchen Leistungen – unter allen Lebewesen, die wir kennen – einzig das menschliche Einfühlungsvermögen in der Lage ist. Wieso könnte dieses Vermögen nicht auch der Fledermaus gelten, zumal ein weiteres, von Nagel durchweg unterschlagenes, ebenso sehr den Menschen auszeichnendes Vermögen dazutritt: das kritische Urteilsvermögen, das die Grenzen aufweist, die noch der tiefsten Einfühlung gesetzt sind und diese so vor Anthropomorphismus bewahrt.

Wer indes das fehlende Einfühlungsvermögen in eine Fledermaus den Naturwissenschaften als zugegebenermaßen unerreichbares Wahrheitskriterium vorhält, der misst ihre Resultate an einem absoluten Gewissheitsanspruch, wie ihn nur Theologeme jenen versprechen, die an sie glauben. Ist das nun Thomas Nagels Messlatte? Zu bezeugen scheint dies seine Bereitschaft, in die Natur als Ganze eine Zwecksetzung oder gar Intention zu projizieren, was ebenso von Anthropomorphismus zeugt wie von einem theologisch inspirierten Reduktionismus. Aufgrund dieser Implikationen muss es mithin fraglich erscheinen, ob der Beitrag Nagels tatsächlich als Grundlage für die von Malte Lehming gewünschte Debatte taugt.

Prof. Dr. Gudrun Kammasch,

Berlin-Wilmersdorf

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