Mon BERLIN : Ein Kind + eine Mutter

Alle streiten über die Betreuungsgeld. Dabei ist bei der Kinderbetreuung die wirklich wichtige Frage: Wo sind heute die Großeltern, die Brüder und Schwestern, die Onkels und Tanten, die Freunde der Familie, die Nachbarn?

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Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point". Foto: Tsp
Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point".Foto: Tsp

Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf … dieser Tage denke ich oft an das von Hillary Clinton aufgegriffene weise afrikanische Sprichwort, wenn ich sprachlos die lärmenden Debatten über das Erziehungsgeld verfolge. Kaum zu fassen, dass die Aufsicht über Kinder nach abertausenden gleichförmigen Diskussionen erneut aufs Tapet kommt und in diesem Land eine so erhitzte Polemik auslöst, dass selbst die herrschende Koalition ins Wanken gerät.

Von der grundsätzlichen Frage, ob man Kinder in zartem Alter einer Institution oder einer Person außerhalb der Familie anvertrauen sollte, einmal ganz abgesehen, lässt der Ton der Debatte erkennen, mit welch emotionalem Gehalt er aufgeladen ist. Die scheinbar ultratolerante Formel: „Die Eltern müssen die Wahl haben“, mit der Konsequenz, dass die Anhänger der Lösung Mama/Zuhause einen finanziellen Ausgleich erhalten, verschleiert in Wirklichkeit einen gnadenlosen Grabenkrieg. Nur zu gut kennen wir die Aufschreie: „Rabenmutter!“, die einen; „Herdprämie!“, die anderen. Was ist los mit diesem Land, in dem kaum noch Kinder geboren werden und die Mütter unter so schwerem moralischen Druck stehen (die Väter kommen wesentlich besser davon). Was sie auch machen, es ist falsch.

Die Berliner Spielplätze sind das genaue Gegenteil eines afrikanischen Dorfes. Sehen Sie sich das exklusive Tandem an: eine Mutter + ein Kind. Dutzende Male finden wir es zwischen Holzbänken und Sandkasten. Die Mutter lässt ihr Kleines nicht aus den Augen. Das Kleine bricht in verzweifeltes Weinen aus, sobald seine Mutter sich abwendet, um sich mit einer anderen Mutter zu unterhalten. Ein intensives Tête à Tête, das keinen Eindringling verkraftet. Sonst gibt es heute kaum noch Eindringlinge. Wo sind die Großeltern, die Brüder und Schwestern, die Onkels und Tanten, die Cousins, die Freunde der Familie, die Nachbarn? Sie alle, die sich im „Dorf“ die Aufgabe der Kindererziehung teilen? Die Babys wandern von Arm zu Arm, die Krabbelkinder folgen ihrem Großvater stundenlang wie ein Schatten, spielen in einer Ecke, ohne dass man sich um sie kümmert. Wo sind die sich selbst überlassenen Kinderbanden, die ganze Nachmittage auf der Straße verbringen? Die Großen erziehen die Kleinen, die Kleinen wecken das Verantwortungsgefühl der Großen. Mit 1,4 Kindern pro Frau (gegen 2,1 in Frankreich – mein Land steht sogar vor Irland an der Spitze der europäischen Fruchtbarkeit) und mit Großeltern, die weit weg wohnen oder noch im Berufsleben stehen, hat sich das westliche Dorf entvölkert. Häufig ist es auf einen geschlossenen Kosmos reduziert: eine Mutter + ein Kind.

Weil es das Dorf nicht mehr gibt, muss es neu erfunden werden. Ein Ersatz: Indem man sich mit Freunden zusammentut, indem man sein Kind morgens im Kindergarten abgibt, in dieser bunten und leicht anarchischen Gemeinschaft, von Erzieherinnen wohlwollend behütet. Welches Kind, dem es gut geht, bleibt lieber am Rockzipfel der Mutter hängen, wenn es stundenlang mit Gleichaltrigen spielen kann? Dazu das wohlige Gefühl, wenn man sich am Nachmittag wiedertrifft, nachdem jeder sein eigenes Leben geführt hat? Muss man wirklich daran erinnern? Deutschland bildet europaweit eine Ausnahme. Ich kenne kein anderes Land – ob England oder gar Frankreich, nicht einmal Italien, wo die Kinder doch wie Fürsten leben –, in dem die Eltern die Institutionen, die sich um deren Nachwuchs kümmern, so grundsätzlich infrage stellen. Hier hat man oft den Eindruck, der Kindergarten sei ein Ort des Unheils, der die Seelen unserer Kinder gefährden könnte. Man muss sich fragen, ob sich hierzulande die Vorstellung durchsetzen konnte, dass es der Entwicklung eines Kleinkindes (und seiner Mutter) guttun könnte, wenn es ein paar Stunden von anderen betreut wird. Eine Pariser Soziologin sagte mir kürzlich, dass ihrer Meinung nach dieses permanente Schuldgefühl, nicht die fehlenden Betreuungsplätze oder die Mängel politischer Maßnahmen in der Art des Erziehungsgeldes, hinter der Zurückhaltung der jungen deutschen Frauen steht, Kinder in die Welt zu setzen, mehrere Kinder … ein richtiges Dorf.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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