Nach Beißattacke : Der weiße Hai im Roten Meer

Der Hai von Scharm al Scheich in Ägypten verhält sich artuntypisch. Doch auch die Behörden haben Schuld an dem Unglück.

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Steven Spielberg hätte es nicht besser inszenieren können: Im ägyptischen Scharm al Scheich wird dieser Tage das Drehbuch des Hollywood-Klassikers „Der Weiße Hai“ nachgespielt. Die Akteure sind, wie im Film, ein besonders aggressiver Raubfisch und eine besonders unfähige Behörde.

Das Drama nahm seinen Anfang am vergangenen Dienstag, als ein Weißspitzen-Hochseehai ein russisches Paar beim Schwimmen angriff. Sie erlitten schwere Bissverletzungen an den Beinen. Doch die Behörden reagierten nicht. Am folgenden Tag wurden zwei weitere Schwimmer angegriffen. Eine Russin verlor eine Hand, einem Ukrainer biss der Raubfisch mehrmals in die Beine. Daraufhin erließ man zwar offiziell ein Badeverbot – viele Touristen bekamen jedoch gar nichts davon mit.

Der Weißspitzen-Hochseehai (Longimanus) ist das gefährlichste Raubtier im Roten Meer. Alle sechs schweren Hai-Angriffe, die von 2007 bis Sommer 2010 in Ägypten dokumentiert wurden, gehen auf sein Konto. Erst im April dieses Jahres wurde, ebenfalls in Scharm al Scheich und nur 15 Meter vom Ufer entfernt, ein Brite beim Schwimmen angegriffen. Im vergangenen Juni tötete ein Longimanus in der Nähe von Marsa Alam eine Französin – eine Schnorchlergruppe war ins Wasser gesprungen, weil sie dachten, neben ihrem Ausflugsboot würde ein Delfin schwimmen.

Dass fast ausnahmslos Schwimmer angegriffen werden, ist kein Zufall. Der Weißspitzen-Hochseehai jagt tagsüber nahe der Oberfläche, im Roten Meer hat er es besonders auf Schildkröten abgesehen. Die zappelnden Beine eines ahnungslosen Schwimmers sind da allemal einen „Probebiss“ wert. Im Gegensatz dazu passen Taucher nicht in sein Beuteschema: Mit Flossen und Pressluftflasche wirken sie ähnlich imposant wie ein Longimanus, der im Mittel bei zwei Meter Länge und 120 Kilo liegt. Zudem wissen erfahrene Taucher, dass man bei der Begegnung mit einem Hochseehai vor allem Ruhe bewahren und zusammenbleiben muss. Der Longimanus ist zwar, im Gegensatz zu anderen Hai-Arten, auch gegenüber Tauchern vergleichsweise neugierig und aufdringlich. Doch vor einem Tier, das nicht panisch flüchtet und ihm im Rudel gegenübersteht, hat der Räuber durchaus Respekt. Bei allzu großer Neugier hilft notfalls ein Schlag aufs Auge mit der Taschenlampe oder ein Luftschwall aus dem Atemgerät, um dem Angreifer den Appetit zu verderben – das berichten zumindest diejenigen, bei denen der Bluff funktioniert hat.

An Badestränden sind Attacken durch Hochseehaie extrem selten. Fischereiabfälle oder Tierkadaver im Wasser können Haie anlocken, manchmal verliert auch ein Tier durch Badelärm und Motorboote die Orientierung. Doch für vier Angriffe in zwei Tagen, wobei die meisten Opfer mehrmals gebissen wurden, gibt es nur eine naheliegende Erklärung: Vor Scharm al Scheich treibt ein Longimanus- Exemplar sein Unwesen, das entgegen seiner Natur Geschmack an Menschen gefunden hat. Derartige individuelle „Störungen“, die oft durch Anfüttern konditioniert wurden, sind schon lange als Risikofaktor für Hai-Attacken bekannt. Was in so einem Fall zu tun ist, wissen die Haiforscher genau: Menschen aus dem Wasser, nichts Fressbares hineinwerfen und warten, bis der Problemhai wieder in der See verschwunden ist.

Doch so lange wollte man die Urlauber in Scharm al Scheich nicht auf dem Trockenen sitzen lassen. Deshalb ließen die Behörden, streng getreu der Spielberg-Vorlage, kurzerhand zwei x-beliebige Haie vor der Küste fangen. Der Gouverneur von Südsinai präsentierte stolz die Trophäen und hatte auch gleich eine Erklärung parat: Die Menschenfresser seien möglicherweise vom israelischen Geheimdienst ausgesetzt worden, um dem ägyptischen Tourismus zu schaden. Dann hob er das Badeverbot auf.

Zwei Tage später, am vergangenen Sonntag, wurde eine 70-Jährige Deutsche von einem Longimanus getötet. Die Frau hatte, direkt vor dem Hyatt-Hotel, in brusttiefem Wasser gestanden, knapp 20 Meter vom Ufer entfernt.

Für die verantwortlichen Politiker dürfte das allerdings keine Konsequenzen haben – auch insofern bleibt die Tragödie von Scharm al Scheich leider streng bei der filmischen Vorlage.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. Er ist auch ausgebildeter Tauchlehrer.

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