Nach der neuen Sozialinitiative : Die Kirchen werden zur großen Koalition

Die neue Sozialinitiative der beiden großen Kirchen zeigt: Deutschlands Bischöfe flüchten ins Unverbindliche – ihre Papiere setzen nur noch auf Konsens. Sie wollen in die Mitte der Macht und nicht abseits stehen. Die Herzen der Menschen erreichen sie damit nicht.

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Erzbischof Robert Zollitsch (rechts), der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der Vorsitzende der EKD in Deutschland, Nikolaus Schneider.
Erzbischof Robert Zollitsch (rechts), der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der Vorsitzende der EKD in Deutschland,...Foto: dpa

Seit einem Jahr rät Papst Franziskus seinen Bischöfen und Pfarrern, „an die Ränder der Gesellschaft“ zu gehen, zu den Gescheiterten, zu den Armen und Schwachen. Er besuchte die Bewohner der brasilianischen Favelas, die Flüchtlinge auf Lampedusa und Drogenabhängige in den römischen Vorstädten. Die katholischen und evangelischen Bischöfe in Deutschland gehen einen anderen Weg. Sie gehen nicht an die Ränder, sondern in die Mitte der Gesellschaft, dorthin, wo die größtmögliche Übereinstimmung herrscht. Es ist das Prinzip Große Koalition.

Am Freitag haben die beiden großen Kirchen in Deutschland eine „ökumenische Sozialinitiative“ vorgestellt. Die 60 Seiten umfassende Schrift „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ ist so abgewogen, so gründlich und vollständig, dass sie keinem weh tut. Von der Finanzmarkt- und Eurokrise über die Energiewende, die Konsolidierung der Staatshaushalte, die Rente mit 67 bis zur frühkindlichen Bildung - alle denkbaren Themen der aktuellen Wirtschafts- und Sozialpolitik werden gestreift.

Sie flüchten sich in Floskeln und Wirtschaftssprech

Altbekanntes wird wiederholt („ nachhaltige Entwicklung hängt auch von der Umweltpolitik der Schwellen- und Entwicklungsländer ab“) und durch vage Forderungen abgerundet („Anpassungsmaßnahmen werden im Rentensystem weiterhin unvermeidlich sein“). Das Papier vermeidet einen klaren eigenen Standpunkt, die theologische Begründung schrumpft auf vier Bibelzitate. Es flüchtet sich in Floskeln und Wirtschaftssprech – und erntete ein von Herzen kommendes Kopfnicken. Arbeitgeber und Gewerkschafter lobten die Schrift, Politiker aller Parteien stimmten zu. Denn wer in Deutschland ist heute noch ernsthaft gegen eine verbesserte Bankenaufsicht? Wer würde der Aussage widersprechen, dass Gewinnmaximierung um jeden Preis unmoralisch ist?

Das gepflegte Einerseits-Andererseits ist offenbar der neue Stil, wenn sich die deutschen Bischöfe äußern. Vor vier Wochen hat die evangelische Kirche den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan bewertet. Das Ergebnis war so unkonkret wie das neue Sozialwort. In der Afghanistan-Schrift konnte man auf jeder dritten Seite lesen, dass ein Teil der Autoren die eine Position vertritt und der andere Teil das Gegenteil. Das sei die „protestantische Vielfalt“, hieß es. Auch der Bericht zur Religionsfreiheit der Christen weltweit, den die Kirchen 2013 veröffentlichten, war konfessionell und interreligiös derart ausgewogen, dass kaum noch zu erkennen war, worum es eigentlich ging: die Verfolgung der Christen anzuklagen.

Warum all das Abwägen und Konsensorientierte, warum die Sorge, jemanden zu verprellen? Die Kirchen wollen diskursfähig sein, sie wollen mit Politikern und Managern ins Gespräch kommen, mit denen, die etwas zu sagen haben in der Gesellschaft. Sie wollen in die Mitte der Macht und nicht abseits stehen. Solche Papiere dienen auch dazu, sich nach innen zu verständigen, in der jeweils eigenen Kirche und über die Konfessionsgrenzen hinweg. All das sind legitime Anliegen. Und doch ist das neue Sozialwort von Freitag ärgerlich, weil es überflüssig ist. Seine Wirkung verpufft. Den Armen und Schwachen, denen, die im wirtschaftlichen und politischen Kalkül leicht vergessen werden, und für die sich die Bischöfe doch eigentlich einsetzen wollen, ist damit nicht geholfen.

Papst Franziskus macht es besser als die deutschen Bischöfe

Auch Papst Franziskus hat sich vor ein paar Monaten zu Wirtschaft und Gerechtigkeit geäußert. Er sagte: „Diese Wirtschaft tötet.“ Das ist einseitig, unterkomplex und erklärt nichts. Franziskus fragt nicht, ob es andere Wirtschaftsformen gibt, die mehr töten. Er interessiert sich auch nicht für den Unterschied zwischen sozialer Marktwirtschaft und ökologisch-sozialer Marktwirtschaft. Er macht sich angreifbar und überlässt das Abwägen anderen. Franziskus will wachrütteln, die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ durchbrechen.

Auch die deutschen Bischöfe waren schon mal mutiger, eckten an, riskierten was. In ihrem gemeinsamen Sozialwort von 1997 positionierten sie sich klar als Anwälte der „Armen, Benachteiligten und Machtlosen“. Sie scheuten sich nicht, den Menschen mit der Bibel zu kommen, und machten konkrete Vorschläge, wohin die Reise gehen soll. Die CDU und Wirtschaftsbosse schäumten, das Papier war Anlass zu echten Kontroversen, die enge Bindung der Kirchen an die C-Parteien löste sich.

Es ist nicht die Aufgabe von Bischöfen, die Verästelungen des Rentensystems zu bewerten oder die Agenda 2010. Geistliche sollten prophetisch sprechen, mutig, ungerecht, existenziell. Für das Erbarmen mit den Schwächeren zu werben, ist etwas anderes als den Schuldenschnitt in der Wirtschaftskrise durchzuargumentieren. Es ist gut, wenn die Botschaften von Bischöfen und Pfarrer die Köpfe der Menschen erreichen. Sie sollten aber vor allem die Herzen öffnen. Und wenn sie das mit Worten nicht schaffen, sollten sie sich die Denkschriften lieber sparen und ein Flüchtlingsheim besuchen oder die Suppenküche um die Ecke. Je weniger Papier bedruckt wird, umso besser für die Umwelt.

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