Nach Hildebrandt : Deutschland, deine Hofnarren

Der Tod des kabarettistischen Meisters Dieter Hildebrandt ist eine Zäsur: Kein zweiter hat den deutschen Humor derart belebt und beleuchtet. Wer kümmert sich jetzt um die Lacher zur Berliner Republik? Zur Auswahl steht vieles: Von "heute-show" bis Raab.

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Früher war alles witziger: Kabarettist Dieter Hildebrandt mit dem Liedermacher Konstantin Wecker (links).
Früher war alles witziger: Kabarettist Dieter Hildebrandt mit dem Liedermacher Konstantin Wecker (links).Foto: dpa

Wieder eine Zäsur. Früher erscholl der Ruf „Der König ist tot. Es lebe der König!“ Aber nach dem Tod des kabarettistischen Meisters Dieter Hildebrandt fällt niemandem gleich ein Nachfolger ein. Ähnlich wie Vicco von Bülow alias Loriot hat Hildebrandt das aus der Tragödie geborene Nachkriegsland, erst die alte, dann die neue Bundesrepublik, mit seiner Komödie begleitet, beleuchtet, erhellt.

Merkwürdigerweise verstärkt gerade die demokratische Massengesellschaft in technisch immer schneller wirkenden Zeiten auch ein Gefühl der Unersetzlichkeit großer Einzelner. Ob zuvor ein Willy Brandt, ob zuletzt Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki oder künstlerische Geister wie Pina Bausch Christa Wolf oder Peter Zadek – ihre plötzliche Abwesenheit lässt viele innehalten. Es bleibt der anhaltende Verlust. Und jetzt ist Dieter Hildebrandt nicht mehr da, in einem Land, das nicht als die große Lachnummer gilt. Nicht als Paradies des Humors.

Doch halt, ein zweites Innehalten. Gerade das Bild vom fehlenden deutschen Humor ist ja selber nur ein humorfreies Klischee. Von Lessing bis Loriot, von Tucholsky bis Kästner, von Karl Valentin bis zum Komödianten Otto Sander (noch einer aus der aktuellen Elegie) gibt es zahllose Gegenbeispiele. Allerdings hatten die Nationalsozialisten mit ihrem pathetischen Mordernst auch den widerborstigen Witz, vor allem von jüdischen Geistern, mit furchtbarer Wirkung verfolgt.

Humor ist heute auch, wenn es bei Raab & Co. kracht

Aus dieser Erfahrung entstand dann das deutsche Nachkriegskabarett. Werner Finck und Wolfgang Neuss waren frühe Stars, Vorläufer von Hanns Dieter Hüsch oder Matthias Beltz. Und vor den Fernsehern versammelte sich bis in die 1980er Jahre das ganz große Publikum, wenn die Münchner „Lach- und Schießgesellschaft“, das Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ oder die West-Berliner „Stachelschweine“ ihren Namen Ehre machten. Der politisch schärfste Kopf von ihnen allen, Dieter Hildebrandt, wurde auch später mit seinem „Scheibenwischer“ zum populärsten der Kabarettisten. Doch mit seinem Tod ist die zeitkritische Kunst, uns lachen zu machen, nicht am Ende.

Kabarettist Dieter Hildebrandt ist tot
Im Alter von 86 starb der Kabarettist Dieter Hildebrandt an Krebs. Das teilte der Karikaturist und enge Freund Dieter Hanitzsch mit. Sein Leben in Bildern sehen Sie hier.Weitere Bilder anzeigen
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20.11.2013 14:36Im Alter von 86 starb der Kabarettist Dieter Hildebrandt an Krebs. Das teilte der Karikaturist und enge Freund Dieter Hanitzsch...

Gerade verkünden die Monty Pythons in London ihr Comeback. Komödiantische Urgesteine und klassische Übergänger vom traditionellen Sketch zur multimedialen Comedy. Diese Veränderung hat auch das deutsche Kabarett längst verwandelt. Harald Schmidt, zu seinen besten Zeiten mit seinem intellektuellen Sarkasmus ein Nachfahre von Dieter Hildebrandt, kam vom „Kom(m)ödchen“ und adaptierte den Stil des angelsächsischen Stand-up-Comedian für seine TV-Karriere. Inzwischen hat ihm die „heute-show“ des ZDF mit dem bisweilen brillanten Oliver Welke den Rang abgespielt. Im Öffentlich-Rechtlichen.

Dies freilich ohne die einst bundesweite Resonanz des Lach-und-Schieß-Kabaretts. Es gibt viel mehr Sender, Medien und ein weit weniger homogenes Publikum. Humor ist heute auch, wenn es beim Raab, beim Rapper oder in der Club-Kultur kracht. Ist das darum unpolitischer? Gewiss, über einen Bundespräsidenten Lübke (in Afrika: „Meine Damen und Herren, liebe Neger“) ließ sich leichter witzeln als über Wulff. Doch Dieter Hildebrandts Lübke-Diktum frei nach Karl Kraus – „Es reicht nicht nur keinen Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, ihn auszudrücken“ –, es passt ebenso aufs Politsprech von heute.

Mehr als ein Hofnarr war trotzdem keiner vom Kabarett. Aber so lange es Macht gibt, braucht es auch Narren und Kinder, die sagen, der Kaiser ist nackt.

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