Netanjahu-Besuch bei Obama : Droht ein Krieg gegen den Iran – aus Versehen?

Wenn alle rational handeln, wird es keinen Krieg im Iran geben. Denn niemand will ihn. Aber verstehen alle Beteiligten die Kalkulation ihrer Gegner? Schon einmal wurde ein Krieg wegen Fehlinterpretationen geführt.

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Im September 2010 war Israels Präsident Benjamin Netanjahu (l.) zu Gast bei Barack Obama. Am Montag empfängt ihn der US-Präsident erneut.
Im September 2010 war Israels Präsident Benjamin Netanjahu (l.) zu Gast bei Barack Obama. Am Montag empfängt ihn der US-Präsident...

Die Zeitfenster werden schmaler. Entscheidungen bahnen sich an im Streit um Irans Atomprogramm, samt der Frage, ob die Welt einen Krieg erlebt. Man sieht es an der nervösen Abfolge von Reden, teils mit scharfen, teils mit gemäßigten Tönen – darunter Präsident Obamas Auftritt vor AIPAC, der Israel-Lobby, am Sonntag – und dem Besuch des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu am Montag im Weißen Haus. Auch Irans Parlamentswahl spielt eine Rolle. Aber wissen wir wirklich, wie die Schlappe für das Lager des Präsidenten Ahmadinedschad, der den Holocaust leugnet und regelmäßig die Vernichtung Israels ankündigt, die Kriegsgefahr beeinflusst?

Wenn alle rational handeln, wird es keinen Krieg geben. Niemand will ihn. Die Mullahs dürfen zwar hoffen, dass ein Angriff ihre Herrschaft kurzzeitig stützt. Sie würden jedoch ihre Luftabwehr und Marine verlieren, weil sie militärisch unterlegen sind. Sie können mit Terror zurückschlagen. Und doch wäre mittelfristig ihre Macht bedroht, weil Krieg die Armut der Bevölkerung verschärft; schon jetzt herrscht eine vorrevolutionäre Stimmung.

Für Barack Obama bedeutet Krieg ein hohes Risiko für die Wiederwahl. „Stark“ sieht ein Präsident nur in den ersten Tagen eines Konflikts aus. Wenn kein schneller Sieg folgt und US-Soldaten bei Anschlägen sterben, kann sich das Bild wenden. Schon gar nicht will er sich Krieg von einem Netanjahu aufzwingen lassen. Freilich kann auch Obama nicht tatenlos zusehen, wie Iran die Bombe baut. Er will das Regime durch einen Mix aus Sanktionen und Gesprächen davon abbringen.

Israel ist der einzige Beteiligte, für den es potenziell um die Existenz geht. Das wird in Europa noch immer zu wenig verstanden. Wenn womöglich die Auslöschung droht, wägt man anders ab. Israel steht vor der Frage, ob es rasch alleine handelt oder darauf vertrauen darf, dass die USA Irans Bombenbau militärisch verhindern, sofern nichts anderes bleibt. Israel hat nicht die militärischen Fähigkeiten der USA. Sein Zeitfenster, um Irans Atomprogramm durch Luftangriffe zurückzuwerfen, schließt sich demnächst, weil Iran die Anlagen unterirdisch versteckt. Das Zeitfenster für die USA ist länger offen, weil sie mehr Flugzeuge und stärkere Bomben haben. Netanjahu wird Obama sagen: Israel unterlässt seinen Militärschlag nur, wenn die USA versprechen, Irans Atomprogramm zu vernichten, falls Teheran nicht auf dem Verhandlungsweg nachgibt.

Das größte Risiko: Verstehen alle Beteiligten die Kalkulationen ihrer Gegner? Israel und die USA wissen bedenklich wenig über die Lage im Iran. Begrenzt ist auch das Verständnis der Mullahs, wie Entscheidungen im Westen fallen. Der Irakkrieg wurde nicht zuletzt wegen solcher Fehlperzeptionen geführt. Saddam verhielt sich so, als habe er etwas zu verbergen. Er hielt die US-Geheimdienste für perfekt und konnte sich nicht vorstellen, dass sie nicht wissen, dass er keine Massenvernichtungswaffen hat, sondern nur so tut als ob, um nicht von innen gestürzt zu werden.

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