NRW-Landtagswahl : Warum konservative Industrielle die SPD wählen müssen

Der postmaterielle Norbert Röttgen (CDU) gegen die traditionsverbundene Hannelore Kraft (SPD) - für Ursula Weidenfeld ist die NRW-Landtagswahl am 13. Mai der erste Praxistest für die großen Entwürfe einer neuen Gesellschaft.

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Röttgen gegen Kraft. Wer wird die Nummer Eins in NRW?
Röttgen gegen Kraft. Wer wird die Nummer Eins in NRW?Foto: dpa

Nordrhein-Westfalen ist ziemlich weit entfernt von Berlin. Das merkt man vor allem am Spitzenkandidaten der CDU im Landtagswahlkampf. Der würde eigentlich lieber in Berlin regieren. Viele in der CDU denken deshalb, dass eine mögliche Niederlage vor allem an Norbert Röttgens Weigerung liegen wird, sich zwischen seinem Ministeramt in Berlin und Nordrhein-Westfalen zu entscheiden. Doch es ist mehr als der lauwarme Lokalpatriotismus des Christdemokraten, der im Westen zur Abstimmung steht. Hier geht es auch um Neu gegen Alt.

Der intellektuellen und postmateriellen Attitüde des Bundesumweltministers steht die robuste und traditionsverbundene Ministerpräsidentin von der SPD gegenüber. Nordrhein-Westfalen ist immer noch das Land der Industrie. Auch wenn heute industrielle Problemfälle den Charakter der Region prägen, hält man hier die Energiewende-Pläne der Bundesregierung für reichlich abgehoben. Nirgendwo sonst ist das in Berlin so verachtete „alte Denken“ derart präsent wie hier. „Altes Denken“, das ist im Berliner Kosmos vor allem die Orientierung an fossilen Energieträgern und an vermeintlich überkommenen Wachstumsmodellen. Röttgen gibt den Pionier dieser Bewegung. Er schreitet energisch voran auf dem Weg ins neue Energiezeitalter, von dem niemand weiß, wo er einmal enden wird.

Hannelore Kraft verkörpert das Gegenteil. Sie sucht die Nähe der offensichtlichen Verlierer einer neuen Energiewelt: der großen Energieunternehmen, die um ihre Investitionen in Kohle- und Gaskraftwerke fürchten, der Großverbraucher, die rasant steigende Preise anprangern, der Arbeitnehmer dieser Branchen, die um ihre Jobs bangen. Es sind nicht nur die Industriegewerkschaften, die ihr deshalb zu Füßen liegen. Auch die Industriellen reihen sich immer offener in den Kreis der Freunde der Ministerpräsidentin ein.

Die Nordrhein-Westfalen-Wahl am 13. Mai wird der erste Praxistest für die großen Entwürfe einer neuen Gesellschaft. Wird der Vertreter des Klimaschützervereins gewinnen, dessen Mitglieder gern auf Wirtschaftswachstum und persönlichen Wohlstandszuwachs verzichten? Oder die Konservativen, die nun ausgerechnet bei der SPD ihr Heil suchen müssen? In Kraft und Röttgen stehen erstmals beide Modelle zur Wahl. Es sieht so aus, als seien die Visionen Röttgens zumindest im Westen nicht mehrheitsfähig.

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