Ob in Zypern oder Berlin : Reiche Russen - der Mythos des 21. Jahrhunderts

Zypern, Ischgl, Berlin: Reiche Russen sind überall. In den Medien kommen sie nicht gut weg. Doch Harald Martenstein warnt vor Pauschalurteilen. Und das Internet hält er für noch unzuverlässiger als das zypriotische Kreditwesen.

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Demonstriert da der typische reiche Russe vor einer Bank in Zypern? Jedenfalls demonstriert er mit iPad und Putin. Aber wir halten uns an Martensteins Rat und wollen keine voreiligen Schlussfolgerungen ziehen.
Demonstriert da der typische reiche Russe vor einer Bank in Zypern? Jedenfalls demonstriert er mit iPad und Putin. Aber wir halten...Foto: dpa

Seit Tagen lese ich pausenlos etwas über reiche Russen. In Zypern soll es ein ganzes Nest von ihnen geben. Der reiche Russe – der Mythos des 21. Jahrhunderts. Die Russendisko ist vom Russendispo verdrängt worden, die Papirossi vom Partyhopping, statt Väterchen Frost kommt an Weihnachten in den Familien Mütterchen Rolex.

Wenn man „Reiche Russen“ googelt, erscheinen bei mir folgende Vorschläge von Google: Reiche Russen in Ischgl, Reiche Russen Berlin, Costa Brava lockt reiche Russen. Sie sind überall. In einer russischen Zeitung steht, dass es schon sieben Millionen von ihnen gibt. Es leben somit bereits doppelt so viele reiche Russen auf der Erde wie Berliner oder auch als Berliner, der Duden lässt beides zu.

Die Mehrheit der Russen ist allerdings bitterarm, der Durchschnittsverdienst in Russland beträgt 265 Euro im Monat. Das, was den Russen zu einem reichen Russen macht, sind offenbar Öl und Gas und gute Beziehungen, auch Kriminalität kann im Einzelfall eine Rolle spielen. Hüten wir uns vor Pauschalurteilen.

Ich habe gelesen, dass es in Moskau falsche „Krankenwagen“ gibt, die mit Blaulicht durch alle Staus kommen. Im Inneren der Krankenwagen ist ein Luxustaxi für reiche Russinnen eingebaut – wenigstens ein Mal möchte ich die weibliche Form verwenden, vergessen wir nicht die reiche Russin, Gold sei ihrer Seele gnädig.

Unser Kolumnist Harald Martenstein, mehr von ihm hier.
Unser Kolumnist Harald Martenstein, mehr von ihm hier.Zeichnung: promo

In etlichen Zeitungen stand, dass ein russischer Unternehmer für reiche Russen Piratenjagdsafaris vor Somalia anbietet. Das Kreuzfahrtschiff sieht harmlos aus und fährt, als Köder, ganz langsam die Küste Somalias entlang. Wenn die Piraten entern, erwarten sie an Deck hundert bis an die Zähne bewaffnete Multimillionäre in Ballermannstimmung. Es kostet 5790 Euro pro Tag, mindestens ein Piratenangriff wird garantiert. An Bord kann man sich für neun Dollar pro Tag eine AK-47-Maschinenpistole mieten, ein Granatwerfer kostet 175 Dollar, immer inklusive Munition. Damit nichts schiefgeht, sind aber auch echte Elitesoldaten an Bord, manche Multimillionäre sind ja schon sehr alt oder können nicht mehr gut zielen. Da dachte ich, dass Zypern und die EU jetzt sehr vorsichtig sein müssen. Gutmütig scheint der reiche Russe nicht zu sein.

Das stand in einem Dutzend Zeitungen, Internetseiten und Blogs. Leider hat es sich bei näherer Recherche als Erfindung herausgestellt. Das Internet ist noch unzuverlässiger als das zypriotische Kreditwesen, 30 Prozent des Internets werden demnächst von der EU eingezogen. Meine Aufgabe an alle Jungjournalisten: Schreibt ein Porträt über einen reichen Russen, der nett ist. Viele reiche Russen sind Systemkritiker, manche werden ermordet. Reiche Russen: mein Wort des Jahres. Die Sache mit den Krankenwagen aber scheint zu stimmen.

Mehr von unserem Kolumnisten Harald Martenstein hier.

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