Organtransplantation in der Krise : „Das ist mein Leib“

Schon vor den Skandalen im Transplantations-System äußerten die Kirchen sich nur zurückhaltend zu dem blutigen Thema. Nun wächst die Skepsis in der Bevölkerung, der Bedarf an Spender-Organen nimmt ebenfalls zu. Wie kommt ein Mensch dazu, etwas von sich selbst zu verschenken? Über den freien Willen zur „heroischen Tat“ müsste die Gesellschaft streiten.

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Thomas Lackmann ist Redakteur des Tagesspiegel.
Thomas Lackmann ist Redakteur des Tagesspiegel.Foto: Archiv

Sperrige Heiligenscheine umglänzen die Häupter beider Ärzte im engen OP. Drei Engel assistieren. Vor dem Bett liegt amputiert des Kranken bleicher Unterschenkel; ein anderes Bein dunkler Hautfarbe ist bereits mit dem Knie des Patienten verbunden. Der Wunderbericht über die hier agierenden syrischen Zwillinge Kosmas und Damian vermerkt, wie beide Heilige, deren sensationeller Eingriff auf einem württembergischen Altarbild des 16. Jahrhunderts dargestellt wird, bei der Suche nach einem passenden Körperteil improvisierten: „Auf dem Friedhof zu Sanct Peter ist heute ein Mohr begraben, der ist noch frisch: von dem hole, was wir für diesen brauchen.“ Eine Patientenverfügung des postumen Spenders wurde im dritten Jahrhundert, als die zwei Doctores lebten, nicht für nötig befunden, ebenso wenig bei der Niederschrift ihrer Legende im Mittelalter.

Weniger wegen ihres Spezialwunders als aufgrund ihrer Therapeutenpraxis und ihres nach vier(!)facher Exekution vollendeten Martyriums sind Kosmas und Damian überregional verehrt und im Hochgebet der römischen Eucharistiefeier prominent platziert worden. Offizielle Statements zum Thema Transplantation erschienen der Kirche dagegen erst im 20. Jahrhundert erforderlich. Zunächst hatte sich das Bauchgefühl der Gläubigen gegenüber der neuen chirurgischen Option ungefähr so misstrauisch artikuliert wie früher zur Einäscherung und Urnenbestattung: Wem die Unversehrtheit des eigenen Leichnams unwichtig ist, der bezweifelt offenbar die „Auferstehung des Fleisches“. Eine ziemlich diesseitige Jenseitsvorstellung. Die heute, mit dem Abklingen christlicher Überzeugungen, eigentlich kaum noch demoskopische Wirkung entfalten dürfte.

57 Prozent entscheiden sich noch nicht

Unabhängig von konfessionellen Bindungen antwortete 2013, als Meinungsforscher den Rückgang der Organspenderzahlen in Deutschland analysieren wollten, die Gruppe der allgemein Ablehnenden bei Mehrfachnennung so: Das Vertrauen ins Transplantationssystem sei durch Manipulationen zerstört (48 Prozent). Explizit den Organhandel als Grund für eigene Spender-Verweigerung führten 60 Prozent an. 57 Prozent sagen, sie wollen sich noch nicht entscheiden, 53 Prozent misstrauen der Organverteilung. 47 Prozent möchten nun mal nicht spenden. 43 Prozent vermuten, als Spender werde man schlechter verarztet.

Trotzdem sind eigentlich 78 Prozent allgemein positiv zum Thema eingestellt. Die sogenannte konkrete Spenderbereitschaft war zuletzt nur leicht gesunken: von 70 auf 68 Prozent. Unter diesen wiederum nennen 90 Prozent „Bereitschaft zu helfen“ als Motiv. Gestiegen war 2013 sogar die Zahl der Spenderausweisträger: um sechs auf 28 Prozentpunkte. Die der lebenden Organspender sank dagegen um 16,8, die Gesamtsumme gespendeter Organe um 13,6 Prozent. Einer Warteliste von 10 784 Patienten standen insgesamt 4395 transplantierte Organe von lebenden und toten Spendern gegenüber.

An den Antworten fällt die Diskrepanz zwischen allgemeiner „Akzeptanz“ und tatsächlicher Spende ins Auge, sowie die Verflechtung von faktischen und diffusen Gegenargumenten. Das kollektive Empfinden schwankt zwischen pflichtgemäßer Solidarität und einem Unbehagen, das sich nicht nur auf Verfahrensfragen bezieht. Vergleichbares Hin- und Hergerissensein ist auch in den theologischen Stellungnahmen zu erkennen, die seit acht Jahrzehnten auf die Entwicklung solcher medizinischen Optionen reagieren.

Zeichnung: Klaus Stuttmann

Heftigen Widerspruch erntete 1928 der belgische Jesuit Arthur Vermeersch, als er – zur Lösung aufziehender ethischer Konflikte – die Entnahme eines Organs für die Heilung eines anderen Organismus so begründete: Glieder des Einzelnen seien als Glieder der ganzen Menschheit zu verstehen. Es bestehe ein Unterschied zwischen der physischen Einheit des Körpers und der moralischen Einheit menschlicher Gemeinschaft, konterten seine Gegner. Ansprachen von Pius XII. zur „sinnreichen Tat der Blutspende“ (1948) sowie zu „rechtlichen und sittlichen Fragen der Hornhautübertragung“ (1956) nahmen darauf Bezug: In der Bevölkerung solle Verständnis für den Sinn der Organspende geweckt werden. Aber kein Kranker sei berechtigt, unter Berufung auf den Organismus der Menschheit von einem anderen das Opfer eines Organs einfordern.

Als die Debatte nach 1967 auf dem Hintergrund der ab 1954 praktizierten Nieren- und der ersten Herztransplantation neu aufflackerte, formulierte der Moraltheologe Josef Georg Ziegler den Solidaransatz variiert: Der gemeinsame Besitz der menschlichen Natur mache „den Mitmenschen zu einem Alter Ego … Ich darf mein Leben hingeben für einen anderen. Ich muss es nicht, aber ich darf es und ich soll es unter Umständen“. Sittlich vertretbar sei erst recht die Spende eines paarigen Organs. Da werde "das Wohl der eigenen Person ausgetauscht mit dem Wohle einer anderen Person."

„Kein Lebender darf aus irgendeinem Grund zu einer Organspende genötigt werden“, warnt 1990 sehr bestimmt eine Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Katholischen Bischofskonferenz (DBK). Mangel an Spenderorganen schaffe ethische Verteilungsschwierigkeiten. Christengemeinden sollten „ihren Beitrag zur sachlichen Aufklärung der Bevölkerung leisten“. Bereitschaft zur Organspende nach dem Tod sei „ein Zeichen der Nächstenliebe und der Solidarisierung mit Kranken und Behinderten“.

Angst vor dem Scheintod

Unterschwellige Ängste kommen in den Theologen-Texten kaum zur Sprache. Deutlich wird der Konflikt zwischen Solidarität und Selbstbehauptung, auch in Stellungnahmen anderer Religionen. Nach buddhistischer Auffassung lindert die vorbehaltlos gewährte Lebendspende eines Organs nicht nur das Empfängerleiden, sie kann sich positiv auf die Folgeexistenz des Spenders auswirken. Doch dessen über den Hirntod hinaus dauernder Sterbeprozess, seine Passage zur Stufe der Erleuchtung, werde durch Organentnahme eventuell gestört. Im Islam hat die Rettung eines Menschen Priorität; die Organspende nach dem Hirn- oder Herztod darf aber nicht kommerziell, sie muss aus Nächstenliebe motiviert sein. Im Judentum herrscht Konsens bezüglich regenerierbarer Lebendspenden von Blut, Haut- und Knochenmark. Doch wenn es um eine postume Verpflanzung geht, ist für orthodoxe Juden nicht der Hirn-, sondern der Herztod entscheidend. Außerdem sei der Körper eine Leihgabe, die möglichst unversehrt an Gott zurückgegeben werden soll.

Wo der rätselhafte Übergang zwischen Leben und Tod zu bewältigen ist, setzen rationale, religiöse oder abergläubische Reaktionen ein; so entwickelten sich vor 200 Jahren neue Bestattungsmoden. 1774 war eine Wiederbelebung durch elektrische Herzstimulation gelungen, um 1800 kam der bis heute umstrittene Begriff „Hirntod“ auf. Der „Begräbnisfristenstreit“ jüdischer Gemeinden, bei dem es den Beerdigungsgesellschaften der Reformer darum ging, die traditionell eilige Bestattung auf einen späten Termin anzusetzen, bewegte die jüdischen Aufklärer. Angst, lebendig vergraben zu werden, grassierte – beflügelt von Scheintod-Anekdoten und vom Schwund des Osterglaubens – ebenso im christlich-bürgerlichen Milieu. Rahel Varnhagen von Ense, die konvertierte Intellektuelle, wurde 1833 am Halleschen Tor, entsprechend ihrer Verfügung, oberirdisch in einer Kapellengruft, im Doppelsarg mit Fenster und Klingelzug, aufgebahrt, 1867 erst beigesetzt. Die Panik des Individuums, während seiner intimsten Passage Prozeduren der Inkompetenz und Gleichgültigkeit ausgeliefert zu sein, wird zu einem Alptraum der Neuen Zeit.

Als Johannes Paul II. 1991 in seinem Grußwort an den 1. Internationalen Kongress der Gesellschaft für Organtransplantation die dunkle Missbrauchsseite des medizinischen Fortschritts betonte, unterstrich er zugleich den spirituellen Aspekt: Mit Bluttransfusion und Organverpflanzung finde der Mensch Wege, „etwas von sich selbst zu geben, von seinem Blut und von seinem Körper, so dass andere weiterleben können“. Wir seien herausgefordert, unseren Nächsten „bis ans Ende“ zu lieben. Doch weder dürften Körper als physische Einheit behandelt und ausgeplündert noch ihre Organe als Tausch- oder Verkaufsobjekt instrumentalisiert werden. Die Chance, eine „Berufung zur Liebe“ über den Tod hinaus zu projizieren, stehe in Analogie zum Pascha-Mysterium Christi: „Tod und Auferstehung des Herrn konstituieren den höchsten Akt der Liebe, was dem Angebot des Spenders, dessen Organ eine andere Person retten soll, eine tiefe Bedeutung gibt.“ Die Möglichkeit, noch nach dem eigenen Tod ein Geschenk von sich selbst zu machen, damit ein Anderer lebe, besage viel in einer durch
Nützlichkeitsdenken geprägten Gesellschaft.

Das Sterben: ein Prozess

In den Jahren seit dieser Ermunterung expandierte das Transplantationswesen. Der Deutsche Erwachsenenkatechismus hatte 1995 noch verhalten resümiert: Organspende sei Nächstenliebe „über den Tod hinaus“, doch könne niemandem der Spenderausweis befohlen werden. 2001 klang der Beitrag des Berliner Bischofs Wolfgang Huber im Grundton sogar kritischer. Umstritten bleibe die Todesdefinition. In der Fürsorge für den Leichnam zeige sich über den Tod hinauswirkender „Respekt vor der Würde der menschlichen Person“, dieser resultiere aus „der Verheißung, dass der verwesliche Körper des Menschen unverweslich auferstehen“ werde, als „geistlicher Leib“. In der auf freier Zustimmung des Menschen beruhenden Freigabe seiner Organe erweise sich, „dass auch die menschliche Freiheit eine Ausstrahlungswirkung über den individuellen Tod hinaus hat. Auch das spricht dagegen, dass die Würde der Person mit dem Eintreten des Todes an ein abruptes Ende kommt“. Menschliches Sterben müsse als Prozess begriffen werden. Bereitschaft zur Organspende sei förderungswürdig, aber keine „Bringschuld“.

Erstaunlicherweise meldeten sich während der Folgejahre, als krimineller Handel publik wurde, die Zahl der Blut- und Organspender stagnierte, ja zurückging, wenige Kirchenleute zu dem Thema. Der DBK-Vorsitzende Kardinal Lehmann erklärte 2005, wegen der „Kontinuität der Stellungnahmen“ seien „über einige Zeit hinweg keine neuen Erklärungen“ abgegeben worden. Im selben Vortrag erwähnt Lehmann, Ende der 1980er Jahre hätten Transplantationsmediziner die Kirchen um Unterstützung angefragt. Damals habe er Bedenken gehabt, „in die manchmal aufgewühlte, widersprüchliche Situation einfach durch einen Spendenaufruf zu reagieren, ohne auf die aufgestauten Probleme einzugehen … Auch wenn tiefere Motive für die Spendebereitschaft durchaus aus dem tiefen Bereich des Glaubens kommen, sollte man die Begründung für sie nicht überstrapazieren“.

Diese pastorale Bescheidung erscheint im Blick auf den Wert der Hingabe im Christentum zunächst kleinmütig. Schließlich hat keine andere Religion die radikale Liebe zu Freund und Feind so schockierend, als liturgische Überhöhung des kannibalischen Tabus, ins Zentrum ihres Kultes aufgenommen. Millionen nehmen an Abendmahlsfeiern teil, deren Einsetzungsworte – „Das ist mein Leib“, „Das ist mein Blut“ – symbolisch oder im Sinn einer sakramentaler Verwandlung aufgefasst werden: Die dabei vermittelte Botschaft eines leibhaftigen rettenden Selbsteinsatzes ist kaum zu verharmlosen. „Seid, was ihr seht, und empfangt, was ihr seid!“ folgerte in einer Osterpredigt an seine Neugetauften der afrikanische Bischof Augustinus (354–430). Wenn hierzulande täglich drei Patienten sterben, die mit Spenderorgan weiterleben könnten, wenn aufgrund der Verknappung am Organmarkt Flüchtlinge in Folterkammern ausgeweidet, Slum-Bewohner und Häftlinge für solche Zwecke ausgebeutet werden, erhält der eucharistische Imperativ, „Brot für die Welt“ zu sein, eine gruselig handfeste Dimension.

Mysterium des freien Willens

Angesichts der Konsequenzen eines solchen Hingabe-Ideals ist die Furcht der Kirchenführer, ihr Appell zum Verschenken des eigenen Körpers könne als spirituelle Nötigung missverstanden werden, sogar zu verstehen. Kamikaze-Aufrufe zum Martyrium gehören schließlich nicht zur christlichen Tradition; obgleich freiwillige „Blutzeugenschaft“ als Gipfel der Christus-Nachfolge gilt. Der freie Wille, über dessen Existenz Neurobiologen, Psychologen und Theologen streiten, ist für die „heroische Tat“, wie Johannes Paul II. das Organspenden recht altmodisch bezeichnet hat, unabdingbar: weil auch die partielle Selbstaufgabe, vor oder nach dem Tod, persönliche Kernsubstanz berührt. Dagegen ignoriert jede Banalisierung des verwertbaren Körpers, des Todes und der Frage, was danach passiert, die Unsicherheiten, von denen Gläubige wie Agnostiker umgetrieben werden. Wer diesen Komplex lieber beschweigt oder nur ungern zugibt, dass er nichts „von sich“ abgeben mag, kann zur Abschirmung seiner finalen Intimsphäre aktuelle plausible Kritikpunkte („Organ-Mafia“ etc.) vorschieben.

„Ein positiver Effekt ist darin gegeben, dass die Menschen aufgeschreckt und mit der Frage konfrontiert wurden: Wer bin ich? Was soll ich? Was darf ich?“ Diese Schlusspointe des Mainzer Professors Ziegler, der seinerzeit Christiaan Barnards Herztransplantation hatte moraltheologisch bewältigen wollen, würde auch zur heutigen Verpflanzungsdebatte passen – wenn eine solche überhaupt stattfände. Gefordert wurde so eine Auseinandersetzung 2012 durch das Gesetz zur Neuregelung der Organspende: mit der Verpflichtung aller Kassen, künftig jedem noch unentschlossenen Bürger im Zweijahrestakt seine persönliche Entscheidung zur Spender- Frage nahezulegen. Eine provokative Diskussion über das blutige Thema dürfte Christen darauf stoßen: was überhaupt ihre Auferstehungshoffnung ausmacht. Und allen, denen die Zukunft ihrer Gesellschaft etwas bedeutet, ans Herz legen, wie lebensnotwendig, steinwegwälzend, kostbar das Mysterium des freien Willens ist.

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