Pädophilie-Vorwürfe gegen Verheugen : Frei gesprochen

Franz Walter fühlt sich in seinem guten Ruf als Wissenschaftler angegriffen. Doch seine Vorwürfe an die FDP in der Pädophilie-Debatte müssen besser belegt werden.

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Vielleicht muss man sich einen Augenblick in Günter Verheugen hineindenken, um zu verstehen, was geschieht. Verheugen hatte am Montag in der Zeitung gelesen, er habe sich als FDP-Generalsekretär vor 30 Jahren offen für die Straffreiheit bei Pädophilie gezeigt. Seither rufen Leute an: „Günter, du und Sex mit Kindern?“ Seit Anfang der Woche steht der furchtbare Verdacht im Raum. Und aus dem drögen Ex-Europapolitiker Verheugen ist in Zeiten schneller Überschriften ein Kinderschänder geworden.

Den Stein ins Rollen brachte der Göttinger Politologe Franz Walter. In einem Aufsatz für die „Frankfurter Allgemeine“ schrieb er, Verheugen habe bei einer Themenveranstaltung in Bonn am 12. Juli 1980 „persönlich auch eine Revision der Paragrafen 174 und 176 (Sex mit Minderjährigen) für möglich gehalten“. Der Beschuldigte sagt nun, das sei eine „Riesensauerei“ und wirft Walter „Verleumdung“ vor. Der Wissenschaftler hätte – bevor er den Vorwurf publizierte – wenigstens mit ihm sprechen können. Hat sich der Göttinger Professor mit seinem Vorwurf vergaloppiert?

Franz Walter fühlt sich in seinem guten Ruf als Wissenschaftler angegriffen und hat seinerseits auf Verheugens Vorwurf geantwortet. Er sagt, er hätte Verheugen mit seinen Recherchen nicht konfrontieren müssen, weil er über eine „Überfülle“ an Material verfüge, belastendes natürlich. Und sich Verheugen wahrscheinlich nach so langer Zeit sowieso nicht mehr „akkurat“ an das erinnern könne, was er damals gesagt hat. Ein Argument, das auf den ersten Blick für Walter spricht. Allerdings hat das der Wissenschaftler bei seiner Veröffentlichung über die FDP-Politikerin Dagmar Döring am gleichen Ort offenbar anders gesehen. Döring nämlich wollte Walter vor der Veröffentlichung als „Zeitzeugin“ befragen. Warum sollte ihr Gedächtnis akkurater funktionieren als das von Verheugen?

Frau Döring übrigens – sie hat nach Walters FAZ-Aufsatz ihre Kandidatur für den Bundestag zurückgezogen – ist für den Wissenschaftler eine wichtige Quelle in Bezug auf die Causa Verheugen. In ihrer damaligen Funktion an der Spitze des Studien- und Arbeitskreises Pädophilie berichtete sie, Verheugens Äußerungen am 12. Juli 1980 könnten nur so verstanden werden, dass er für eine Revision der Strafbarkeit bei Sex mit Kindern eintrete. Frau Döring sagt heute selbst, sie habe damals unter dem Eindruck einer intimen Beziehung zu einem bekennenden Pädophilen gestanden. Wollte sie vielleicht etwas gehört haben, was Verheugen so gar nicht gesagt hat? Der Wissenschaftler Walter jedenfalls ist zu fragen, ob eine solche Quelle die Glaubwürdigkeit besitzt, um Verheugen nach 30 Jahren öffentlich ins Zwielicht zu setzen, ohne ihn vorher anzuhören.

Das gilt übrigens auch für seinen Vorwurf, Pädophilen-Aktivisten hätten in den 80er Jahren „nicht nur auf die Grünen, sondern auch auf die FDP“ gesetzt. Und zwar „mit Erfolg“. Bis jetzt hat Walter dafür noch keine Belege vorgelegt, was er rasch nachholen sollte. Schließlich weiß der erfahrene Politikwissenschaftler nur zu gut, was allein ein solcher Verdacht für eine Partei bedeuten kann, wenn er sechs Wochen vor der Bundestagswahl ausgesprochen wird.

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