Plädoyer : Wir brauchen die Alten in der Politik

Alte Politiker sind weder klüger noch mit einem besseren Charakter gesegnet als jüngere. Sie sind aber freier, das wirkt sich positiv aus. Sie müssen keine Rücksicht nehmen. Warum wird Typen wie Müntefering, Ströbele oder Baum in der aktiven Politik brauchen.

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Franz Müntefering, ehemaliger SPD-Chef, tritt 2013 nicht erneut für den Bundestag an.
Franz Müntefering, ehemaliger SPD-Chef, tritt 2013 nicht erneut für den Bundestag an.Foto: dpa

Bei uns in Kreuzberg wohnt ja der alte Franz Müntefering. Dass Münte nicht mehr im nächsten Bundestag sitzen will, ist sehr schade. Und an diesem Sonntag wird der frühere Innenminister und FDP-Politiker Gerhard Baum 80 Jahre alt. Er wirkt ziemlich fit und taucht hin und wieder in Talkshows auf. Dort sagt er dann interessante Dinge, denen man zustimmen kann oder auch nicht. Ähnliches gilt für andere alte Politiker. Alte Politiker wirken durchweg interessanter als junge. Ich denke an Heiner Geißler (82), die Vogel-Brüder Hans-Jochen (86) und Bernhard (80) oder Hildegard Hamm- Brücher (91). Helmut Schmidt (93) spielt sowieso in einer eigenen Liga. Aber sogar Edmund Stoiber (71) ist in letzter Zeit als selbstironischer und flüssig formulierender Zeitgenosse aufgefallen. Ich frage mich dann immer, wieso diese Menschen nicht im Bundestag sitzen. Im Bundestag sollten doch aus allen Lagern die Besten sitzen, das war mal die Idee. Haben sie keine Lust mehr? Dann müsste jemand sie überreden. So anstrengend scheint ein Bundestagsmandat ja nicht zu sein, wenn man nebenher zehn andere Jobs erledigen kann.

Alte Politiker sind weder klüger noch mit einem besseren Charakter gesegnet als jüngere. Sie sind aber freier, das wirkt sich positiv aus. Sie wollen nichts mehr werden, sie müssen keine Rücksicht nehmen, sie sagen einfach das, was sie denken. An den alten Politikern kann man erkennen, wie die Politik sein könnte, wenn jeder einfach das sagt, was er oder sie denkt.

Die Gesellschaft wird im Durchschnitt immer älter, die Leute müssen länger arbeiten, in der Politik macht sich das nicht bemerkbar. Die Mitglieder der letzten sechs Bundestage waren, bei Beginn der Wahlperiode, im Durchschnitt immer etwa 49 Jahre alt. Der im Schnitt älteste Bundestag wurde 1961 gewählt, 52 Jahre, unter dem Uraltkanzler Adenauer, der jüngste Bundestag war 46 Jahre alt, 1972, Willy Brandt. Im nächsten Parlament wird der älteste Abgeordnete wahrscheinlich Hans-Christian Ströbele heißen, er ist dann 74, eigentlich kein Alter.

Politiker müssen Entscheidungen treffen, etwas durchsetzen und Argumente abwägen können, sie sollten reden können und ehrlich sein, Intelligenz und Bildung schaden nicht. Dieses Anforderungsprofil können auch Alte erfüllen. Und es ist, glaube ich, nicht zu befürchten, dass die Alten Klientelpolitik machen und plötzlich auf Kosten kommender Generationen maßlose Rentenerhöhungen durchdrücken. Ich will natürlich keine Altenquote. Aber ohne Typen wie Müntefering, Ströbele, Schäuble oder Baum fehlt etwas. Und es ist ein seit Jahren beklagter Zustand, dass die freien und offenen Debatten nicht im Bundestag stattfinden, sondern im Fernsehen, wo die Alten ihre Show abziehen.

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