Political Correctness : Winterfest statt Weihnachten?

In Nordrhein-Westfalen wollte der Landessprecher der Linken den Martinstag in "Sonne-Mond-und-Sterne-Fest" umbenennen. In Solingen wurde darüber diskutiert, statt Weihnachtsbeleuchtung das Winterlicht anzuzünden. Dabei sollten wir die Dinge lieber beim Namen nennen.

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In Berlin-Kreuzberg wurde darüber diskutiert, ob der Weihnachtsmarkt in Winterfest umbenannt werden sollte. Der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz (Bild) heißt nach wie vor Weihnachtsmarkt.
In Berlin-Kreuzberg wurde darüber diskutiert, ob der Weihnachtsmarkt in Winterfest umbenannt werden sollte. Der Weihnachtsmarkt...Foto: dpa

Das Bemühen, sich um alles in der Welt ja politisch korrekt zu verhalten, dem anderen nicht mit eigenen Ansprüchen, Deutungen und Benennungen zu nahe zu treten, treibt merkwürdige Blüten. In Nordrhein-Westfalen wollte der Landessprecher der Linken, Rüdiger Sagel, angesichts der religiösen Vielfalt in Kindergärten und der wachsenden Zahl von nicht religiös gebundenen Eltern den 11. November, den Martinstag, umbenennen in „Sonne-Mond-und- Sterne-Fest“. Nicht etwa engagierte Christen waren die Ersten, die sich gegen die begriffliche Neutralisierung eines traditionellen Kirchenfestes wandten, sondern Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime. Der wies darauf hin, dass auch muslimische Kinder den Martinsumzug mit den bunten Lampions und Leckereien ganz unbefangen genießen.

Das Bemühen, den Raum des laizistischen Staates auszuweiten

Was wie eine einmalige Spinnerei klingt, findet sich durchaus häufiger. In Solingen wurde intensiv über die Umbenennung der Weihnachtsbeleuchtung in der Innenstadt in Winterlicht diskutiert. In Bonn sah sich die dortige Thalia-Buchhandlung einer heftigen Leserbriefkontroverse im Generalanzeiger ausgesetzt, nachdem vor Ostern in den Schaufenstern für Geschenke zum Hasenfest geworben worden war. In Friedrichshain-Kreuzberg gab es eine Auseinandersetzung darüber, ob Weihnachtsmärkte nur noch genehmigt werden sollten, wenn sie als Wintermarkt firmieren. Und auch dies geschah in dem Bezirk, in dem jeder vierte Einwohner Muslim ist: Eines der höchsten Feste des Islam, das Ramadanfest zum Ende der Fastenzeit, durfte öffentlich erst gefeiert werden, nachdem es in Sommerfest umbenannt worden war.

Das letzte Beispiel zeigt, dass hinter dieser versuchten sprachlichen Reinigung der Begrifflichkeiten von religiösen Bezügen nicht nur antichristliche Ressentiments stecken – obwohl es die durchaus gibt. Nein, es ist das Bemühen, den Raum des laizistischen Staates auszuweiten und die Profanisierung des öffentlichen Lebens voranzutreiben. In einem sehr multikulturellen Bundesland wie Berlin, in dem wesentliche politische Kräfte ein überaus distanziertes, wenn nicht gar gestörtes Verhältnis zur Kirche haben, bricht sich das – als vermeintlich politisch korrektes Vorgehen – leichter Bahn als in Regionen, in denen der Bevölkerungsanteil der Christen aller Konfessionen deutlich höher ist. Wer selber ohne Religion aufgewachsen ist, kommt eher zu dem Schluss, dass die Erwähnung von Begriffen aus dem christlichen Umfeld von Nicht-Christen als Zumutung oder gar Anmaßung empfunden werden könnte.

Nennen wir die Dinge also ruhig weiter beim Namen

Tatsächlich ist das nicht der Fall. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, aus der der evangelische Landesbischof Markus Dröge gerade in einem Vortrag zitierte, bezeichnen 75 Prozent der Westdeutschen und 55 Prozent der Ostdeutschen das Christentum als Fundament unserer Kultur. Zwar finden sich Grundwerte wie Toleranz, Friedfertigkeit, Solidarität mit den Schwachen und Nächstenliebe in allen monotheistischen Religionen und selbstverständlich auch bei Humanisten wieder. Aber es sind genau diese die Gesellschaft stabilisierenden Werte, an die der Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde dachte, als er formulierte, dass der freiheitliche Rechtsstaat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann.

Nennen wir die Dinge also ruhig weiter beim Namen, denn nur dann können wir sie in ihrer Verschiedenheit schätzen und bewahren. Freuen wir uns, wenn jüdische Mitbürger Chanukka feiern, das Lichterfest, das früher schon mal, um den Kindern die Freude eines Weihnachtsbaums zu machen, mit Weihnukka ergänzt wurde. Gratulieren wir den Muslimen, wenn sie das Zuckerfest, das Fastenbrechen, begehen. Und singen wir, die wir um unsere christlichen Wurzeln wissen, an diesem Tag mit Inbrunst die Weihnachtslieder, die die Familien seit Generationen begleiten. Und wer einfach nur ein Winterfest feiern möchte, ist in dieser bunten Stadt genauso willkommen.

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