Porträt : „Deutschland ist Schweden für Erwachsene“

Horace Engdahl. Foto: Reuters
Horace Engdahl. - Foto: Reuters

Horace Engdahl war Chef der Literaturnobelpreisjury. Nun hat Schwedens erster Intellektueller das Land verlassen und ist nach Berlin gezogen. Deutschland sei einfach klüger als Schweden, sagt er.

Horace Engdahl gilt als Schwedens erster Intellektueller. Engdahl ist Literaturkritiker und Essayist. Er arbeitete für schwedische Tageszeitungen und übersetzte Werke von Heinrich von Kleist ins Schwedische. Bis 2009 war er Chef der Literaturnobelpreisjury. An den Lippen des 63-Jährigen hing einmal im Jahr die ganze Welt. Und zwar immer dann, wenn Engdahl durch die weißen Flügeltüren, in den Stockholmer Börsensaal trat, um im Blitzlichtgewitter den neuen Literaturnobelpreisträger bekannt zugeben. 2009 gab er das langjährige Amt ab, blieb aber Jurymitglied und zog nach Berlin, um dort ein Buch zu schreiben.

Nun hat sich Engdahl als ausgesprochener Fan der deutschen Kultur geoutet.

In einer populären norwegisch-schwedischen Talkshow rühmt er seine Wahlheimat im Vergleich zu Schweden als denkendes Land mit einer lebendigen pluralistischen Kultur. Schweden sei hingegen auf dem Weg zur Verdummung. Das sehe man zum Beispiel an den deutschen Zeitungen. „Es sind lange, gelehrte, gutinformierte, komplizierte Artikel, die sich an ein erwachsenes Publikum richten“, so Engdahl – etwas, das man in schwedischen Zeitungen nur selten finde. Woran das liege, fragte der Moderator. „Das liegt wohl auch an einem größeren Respekt für Wissen, Wissenschaft und Bildung“, antwortete Engdahl und rühmte den in Deutschland erfreulich intakten Pluralismus. Der sei den Schweden abhanden gekommen. „In Deutschland gibt es auch größere Akzeptanz für die öffentliche Vertretung unterschiedlicherer Sichtweisen in einem breiteren ideologischen Spektrum“, so Engdahl. „In Schweden mögen wir es, ganz nah beieinanderzusitzen. Am liebsten in der Mitte klumpen wir uns zusammen, wie Ratten in einer Kloakenleitung an einem kalten Wintertag“, so das harte Urteil.

Das Publikum lachte. Ob Schweden heutzutage zu eng für die intellektuelle Elite geworden sei, für Menschen wie Engdahl, will der Moderator wissen. „Haben wir in Schweden überhaupt eine intellektuelle Elite? Das haben wir nicht, nicht so wie in Deutschland“, antwortete der Literaturwissenschaftler und wünschte sich, dass Schweden etwas mehr vom großen südlichen Nachbarn lernt. „Die Deutschen sind äußerst verliebt in Schweden. Nahezu auf eine etwas rührende Weise. Wir sind ihr Sommerferienland. Wir Schweden hingegen sind komplett uninteressiert an Deutschland.“ Dabei sei Deutschland „Schweden für Erwachsene“.

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