Porträt Emine Erdogan : „Sie schloss sich in ihr Zimmer ein und weinte“

Emine Erdogan, die heute 55-jährige Frau des türkischen Ministerpräsidenten, wurde von ihrem Bruder dazu gezwungen, Kopftuch zu tragen. „Sie schloss sich in ihr Zimmer ein und weinte“, sagte Emine Erdogans Bruder.

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Mitten in die Debatte über die Zulässigkeit des islamischen Kopftuches im öffentlichen Raum der säkularen Republik Türkei platzt die Meldung, dass eine der prominentesten türkischen Frauen mit Kopftuch einst als junges Mädchen unter Zwang ihr Haar verhüllte – Emine Erdogan, die heute 55-jährige Frau des türkischen Ministerpräsidenten, wurde von ihrem Bruder dazu gezwungen, wie jetzt bekannt wurde.

„Sie schloss sich in ihr Zimmer ein und weinte“, sagte Emine Erdogans Bruder, Hasan Gülbaran, der Zeitung „Milliyet“. Emine wuchs als einziges Mädchen mit vier Brüdern auf, von denen der älteste laut Gülbaran das Kopftuch erzwang. „Mein Bruder war ja selbst noch ein Kind“, sagte Gülbaran. Falsch sei der Zwang dennoch gewesen: „Wenn eine Frau ihr Haar verhüllt, soll sie das aus freiem Willen tun.“

Der Zwang zum Kopftuch ist genau das, was Recep Tayyips Erdogans Gegner befürchten. Emines Schwägerin, Saadet Gülbaran, die wie ihre beiden Töchter ihr Haar offen trägt, sieht jedoch keinen Grund dafür. Sie sagt, sie kenne Erdogan seit 40 Jahren und habe noch nie erlebt, dass er es unverschleierten Frauen gegenüber an Respekt fehlen ließ. „Nicht mal einen Witz hat er je gemacht.“

Nicht alle Türken sind von der Toleranz ihres Regierungschefs so überzeugt wie seine Schwägerin. Nachdem die türkische Hochschulverwaltung vor einigen Wochen das Kopftuchverbot für Studentinnen per Erlass aufgehoben hatte, berieten die politischen Parteien in Ankara über eine gesetzliche Lösung. Doch tiefes Misstrauen verhinderte eine Einigung. Nun will Erdogan erst nach den Wahlen im nächsten Sommer ein Kopftuchgesetz schmieden.

Doch auch ohne Gesetz bröckelt der Kopftuchbann für erwachsene Frauen überall im Land. Die Kopftuch tragende Frau von Staatspräsident Abdullah Gül, Hayrünnisa Gül, konnte vergangene Woche beim Besuch von Bundespräsident Christian Wulff erstmals die Ehrengarde der streng säkularen Militärs abschreiten.

Am heutigen Freitag soll nun der nächste Schritt in der Versöhnung der säkularen Republik mit dem Kopftuch folgen, das von zwei Dritteln ihrer Bürgerinnen getragen wird. Gül hat zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren sowohl die strikt säkularen Militärs als auch Kopftuchfrauen wie seine eigene Gattin und Emine Erdogan zu einem Empfang anlässlich des Nationalfeiertages eingeladen. Ob die Militärs die Einladung annehmen, stand am Donnerstag noch nicht fest. Thomas Seibert

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