Porträt Günter Grass : „Auch Deutsche unter den Opfern“

Günter Grass, das weiß man, will erhört werden, selbst wenn er Unsinn erzählt.

von
Foto: Mike Wolff
Foto: Mike WolffFoto: Mike Wolff

Günter Grass, das weiß man, will erhört werden, selbst wenn er Unsinn erzählt. Schon früher sei es so gewesen, erzählt man sich, dass Grass unruhig wurde, wenn er auf offiziellen Reisen nicht in die Nähe eines Mikrofons kam. Vehement wehrt er sich dagegen, zum Schweigen gebracht zu werden – was ein aus einer Halluzination resultierendes Verhalten sein könnte. Dieses hat er wieder bekräftigt, in einem Gespräch mit dem israelischen Historiker Tom Segev für die Zeitung „Haaretz“ aus Anlass des Erscheinens von „Beim Häuten der Zwiebel“ in Israel: „Es gibt Leute, die wollen, dass ich das Maul halte. Sie werden keinen Erfolg haben.“

Und dann hat er mit Segev nicht nur über sein Zwiebel-Buch, sondern auch über sein Gustloff-Buch und die Aufbereitung des Holocausts und der Naziverbrechen in seinen Büchern gesprochen und gesagt: „Der Wahnsinn und die Verbrechen fanden nicht nur ihren Ausdruck im Holocaust und endeten nicht mit dem Kriegsende. Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, und der Rest wurde liquidiert. Es gab 14 Millionen Flüchtlinge in Deutschland, die Hälfte des Landes wechselte direkt von der Nazityrannei in die kommunistische Tyrannei.“ Natürlich wolle er den Holocaust nicht verharmlosen, aber das sei nicht „das einzige Verbrechen“ gewesen: „Wir tragen die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis, aber ihre Verbrechen fügten auch den Deutschen schlimme Katastrophen zu, und so wurden sie zu Opfern.“

Wie er auf die Zahlen kommt, ist Grass’ Geheimnis. Es waren knapp über drei Millionen deutsche Soldaten, die in russische Gefangenschaft gerieten – und knapp über eine Million überlebten diese Gefangenschaft nicht. Sie wurden aber nicht „liquidiert“, sondern starben an Erschöpfung und Mangelernährung. Ja, auch viele Deutsche waren unter den Opfern des Zweiten Weltkriegs – das zu vermitteln, ist dem Literaturnobelpreisträger seit seinem Gustloff-Roman ein Anliegen. Aber Wortwahl, Zählweise (sechs Millionen tote deutsche Soldaten!) und Gleichsetzung von brauner und roter Tyrannei lassen tief blicken. Die Verbrechen der Nazis „fügten auch den Deutschen schlimme Katastrophen zu“ – das klingt, als kämen die Nazis von einem anderen Stern. Deutsche als Opfer der Nazis, da fehlen eigentlich nur noch Nazis als Opfer der Juden. Manchmal wäre es vielleicht wirklich besser, wenn Grass schweigen würde.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben