Porträt Jean-Claude Juncker : „Ich befinde mich in einem Denkprozess“

Er würde wohl gern wollen, doch ob Angela Merkel ihn auch will? Luxemburgs Ex-Premier Jean-Claude Juncker denkt intensiv über eine Spitzenkandidatur für die Europäischen Volksparteien bei der Wahl zum Europaparlament am 25. Mai nach.

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Ex-Premier mit Euro-Ambitionen - Jean-Claude Juncker.
Ex-Premier mit Euro-Ambitionen - Jean-Claude Juncker.Foto: dpa

Man darf sich durch die sonore Stimme nicht täuschen lassen. Jean-Claude Juncker, langjähriger luxemburgischer Regierungschef, spricht ein überaus melodisches, warm klingendes Deutsch. In der Sache aber ist er ein sehr entschlossener und ehrgeiziger Politiker, den die Heimatverbundenheit nie hinderte, die eigentliche Berufung auf der europäischen Bühne zu sehen. Deshalb ist es überhaupt nicht erstaunlich, dass ihn eine Spitzenkandidatur für die Europäischen Volksparteien bei der Wahl zum Europaparlament am 25. Mai interessiert.

Wie das im Politikgeschäft üblich ist, darf man die Bereitschaft zur Übernahme eines einflussreichen Amtes auf keinen Fall zu früh erkennen lassen, sonst ist man als Kandidat verbrannt. Und so sagt der 59-Jährige auf die Frage, ob er ein europäisches Spitzenamt anstrebe, nur: „Ich befinde mich mit anderen in einem Denkprozess, von dem ich nicht weiß, wie lange er dauert.“ Über welches Amt er nachdenkt, ist klar. Es geht um den Posten des mächtigen Präsidenten der EU-Kommission. Der Kandidat dafür wird – das ist eine Neuerung aus dem Lissabonvertrag – vom Rat der Staats- und Regierungschefs dem Europäische Parlament vorgeschlagen, der dabei das Ergebnis der Wahlen zum Europäischen Parlament „berücksichtigt“.

Diese Wahlen werden aber am 25. Mai vermutlich zum ersten Mal mit europaweiten Spitzenkandidaten durchgeführt. Für die Sozialisten und Sozialdemokraten will der amtierende Parlamentspräsident, der deutsche Sozialdemokrat Martin Schulz, antreten. Für die Europäischen Volksparteien möchte Jean-Claude Juncker ins Rennen gehen. Er verlor sein Ministerpräsidentenamt im Dezember 2013 nach einer Wahlniederlage, ist also frei für europäische Aufgaben.

Chancen, wieder stärkste Fraktion im EP zu werden, haben die Konservativen. Ob die Staats- und Regierungschefs dann automatisch deren Spitzenmann vorschlagen müssen, ist umstritten – „berücksichtigen“, so hört man, schlösse ja nicht aus, über Alternativen nachzudenken. Um nicht genau in diesen Verdacht zu geraten, ließ Angela Merkel den Regierungsssprecher gerade erklären, es träfe nicht zu, dass sie Juncker auf einem europäischen Spitzenposten verhindern wolle.

Das Gerücht, dem sei doch so, kommt nicht von ungefähr. Merkel, Hollande und Co. stehen in dem Ruf, große Namen an der Spitze Europas gerne zu blockieren, um den eigenen Einfluss nicht zu schmälern. Gerd Appenzeller

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