PORTRÄT : „Kein Nationalheld ohne Furcht und Tadel“

An diesem Freitag wird sie in der Gedächtniskirche in ihr neues Amt eingeführt: Margot Käßmann soll EKD-Beauftragte für das Reformationsjubiläum 2017 werden. Über Martin Luther sagt die ehemalige Ratsvorsitzende freilich auch: "Er war kein Mann ohne Makel."

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Ob die Glocken der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche heute läuten werden, war bis zuletzt unklar: Eine Grundreinigung der Glasfenster hatte dazu geführt, dass die Elektrik des Gotteshauses einen Wasserschaden erlitt. Doch Scheinwerferlicht wird es geben, wenn die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Margot Käßmann, am Mittag vor den Altar tritt, um in ihr neues Amt als Beauftragte des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017 eingeführt zu werden.

Allerdings werden es andere Scheinwerfer sein als jene, die die frühere Bischöfin gewohnt ist. Künftig ist sie eine Botschafterin, nicht mehr in eigener Sache, sondern für den Reformator Martin Luther. Werbung machen soll sie für die Reformationsdekade, die der Rat der EKD 2007 ins Leben gerufen hatte. Denn fünf Jahre vor dem 500. Jubiläum von Martin Luthers Thesenanschlag wissen nur Spezialisten, welches Weltereignis da auf Deutschland zurollt. Mit Vorträgen, Büchern und Fernsehauftritten soll Käßmann diese Wissenslücke stopfen und ihre Popularität dafür in die Waagschale werfen.

Wie genau Deutschlands Protestanten 2017 ihr großes Jubiläum feiern wollen, ist freilich noch weitgehend unklar. Käßmann will es ökumenisch tun, mit Katholiken und Orthodoxen. Und sie will das Erbe des Reformators kritisch hinterfragen: Er sei „kein Nationalheld ohne Furcht und Tadel gewesen“, sagte sie kürzlich bei der Vorstellung einer von ihr herausgegebenen Sammlung von Lutherzitaten. „Er war kein Mann ohne Makel.“

Da passt es gut, dass im Reformationsjahr ein Kirchentag ansteht: Schließlich war auch Käßmann einst Generalsekretärin des Protestantentreffens. Und noch heute ist sie auf ihnen die mit Abstand beliebteste Rednerin. Doch auch ihre erneute Anbindung an die EKD könnte der Theologin guttun. Denn während sie als Ratsvorsitzende mit ihrem legendären „Nichts ist gut in Afghanistan“-Zitat eine veritable politische Debatte anstieß, schien der Stern der populären Kirchenfrau im Sinken. Zuletzt trat sie als Schirmherrin der Suche nach Deutschlands schönstem Grabstein in Erscheinung. Spötter sahen sie schon auf dem besten Weg ins Dschungelcamp – doch stattdessen hat die Theologin nun ein Büro am Gendarmenmarkt bezogen. Von dort wird sie hinarbeiten auf das große Jubiläum, zu dem 2017 mehrere hunderttausend Besucher in Deutschland erwartet werden. Und zu dem dann auch die Kirchenglocken läuten. Benjamin Lassiwe

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