• PORTRÄT KEN LIVINGSTONE WAHLKÄMPFER IN LONDON:: „Ihr habt ein Hornissennest aufgemacht“

PORTRÄT KEN LIVINGSTONE WAHLKÄMPFER IN LONDON: : „Ihr habt ein Hornissennest aufgemacht“

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Es war 2009, als Ken Livingstone erklärte, „reiche Bastarde, die Steuerschlupflöcher nutzen, sollten kein Recht haben, an britischen Wahlen teilzunehmen“. Der „rote Ken“, eben als Londoner Bürgermeister abgewählt, schrieb dies in der „Sun“. Er besserte seine Rente auch durch Arbeit bei Radiosendern wie dem iranischen Staatssender Press-TV auf, hielt lukrative „Dinnerreden“ und zahlte in jenem Jahr doch nur 6124 Pfund Steuern. Das ist bekannt, weil Livingstone am Osterwochenende seine Steuererklärung veröffentlichte – womit ein brutaler politischer Nahkampf und möglicherweise die Londoner Bürgermeisterwahl im Mai beendet wurde. Und möglicherweise auch Kens Karriere. Ausgelöst wurde der Streit, als die „Sunday Times“ ihn selbst als einen von jenen entlarvte, die „Steuerschlupflöcher“ nutzen. Livingstone rechnet seine Einkünfte über das Kleinunternehmen „Silveta Ltd.“ ab und versteuert statt Einkommen eine Dividende – was viel billiger ist.

Der alte Kämpe will jetzt die Schmach von 2008 auswetzen, als die Londoner ihm nach acht Jahren eine dritte Amtszeit als Bürgermeister verweigerten. Antisemitische Bemerkungen, das Hofieren extremistischer Mullahs, ein „Öl für London“-Deal mit Hugo Chávez – Livingstone war ihnen zu selbstherrlich geworden. Und in dem Tory-Politiker Boris Johnson gab es eine humorvolle und unverbrauchte Alternative.

Johnson ist im Vergleich zu Livingstone ein „reicher Bastard“. Sonntagmorgens schreibt er eine Kolumne für den „Daily Telegraph“ und kassiert zusätzlich zum Bürgermeistergehalt noch 250 000 Pfund im Jahr. Nur dass Boris, anders als Ken, die volle Steuer ohne Tricks bezahlt. 213 749 Pfund im vergangenen Jahr.

Livingston hatte sein Heil im Gegenangriff gesucht und Johnson trotz wiederholter Richtigstellung vorgeworfen, auch er rechne über ein Unternehmen ab. Im Lift eines Radiosenders platzte Johnson der Kragen. Er nannte Livingstone einen Lügner, einen „fucking liar“ gar, und verweigerte mehrfach die Entschuldigung. Der Vorschlag zur Güte kam von der grünen Mitbewerberin in einer BBC-Debatte: Veröffentlicht doch einfach eure Steuererklärungen.

„Statt über Londoner Lokalpolitik zu sprechen, habt ihr ein Hornissennest aufgemacht“, grollte Livingstone gestern. Tatsächlich hat nun eine Debatte begonnen, ob nicht alle Politiker ihre Steuererklärungen veröffentlichen sollen.

Matthias Thibaut

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