PORTRÄT MILOS ZEMAN TSCHECHISCHER PRÄSIDENT : Betrunkener Gegner der Schwulen

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Der Pomp wirkt noch so wie zu monarchischen Zeiten: Als Milos Zeman ins Präsidentenamt eingeführt wurde, donnerten Salutschüsse über die Prager Burg und in den Innenhöfen wehte ein Meer aus Fahnen und Standarten. Das ist nicht einmal 80 Tage her, aber der 68-jährige Präsident sorgt seither immer wieder für Schlagzeilen. Sein jüngster Fehltritt: Er will verhindern, dass ein Literaturwissenschaftler an der renommierten Prager Karlsuniversität zum Professor ernannt wird – ein Forscher, der Zeman vor der Wahl immer wieder kritisiert hat.

Ist das jetzt die Rache des mächtigen Staatsoberhauptes? Tatsächlich hat der Präsident in Tschechien nach der Verfassung beinahe monarchische Vollmachten. So ernennt er höchstpersönlich alle Professoren an sämtlichen tschechischen Hochschulen – oder eben nicht. Dabei ist der Literaturwissenschaftler Martin Putna ein ausgewiesener Experte, der in den Hochschulgremien einhellig auf die Professur gewählt wurde. Uni-Rektoren und Politiker werfen Präsident Zeman deshalb einen Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit vor. Studenteninitativen planen Protestkundgebungen – mit der präsidenziellen Selbstherrlichkeit werde man sich jedenfalls nicht abfinden, sagen sie.

Der Fall ist ebenso bizarr wie typisch. Bizarr deshalb, weil der verhinderte Professor ein bekennender Schwuler ist – und weil offenbar seine Teilnahme an einem Schwulen-Festival dem populistischen Präsidenten ausreicht, um seine Ablehnung zu begründen. Mit der Würde eines Professors sei das nicht zu vereinbaren, hieß es aus dem Präsidialamt.

Typisch ist der Fall deshalb, weil der neue Prager Präsident immer wieder die Grenzen der Verfassung austestet. Eigentlich soll er, der Linkspopulist, überparteilich sein – und doch wirft er der Mitte- rechts-Regierung Steine vor die Füße, wo immer es geht. Eigentlich sollte er, der frühere Premierminister, vor allem repräsentieren – und doch regiert er immer wieder in die Tagespolitik hinein.

In seinen knapp 80 Tagen als Präsident hat Milos Zeman aber nicht nur die Politik aufgemischt, sondern auch ein geflügeltes Wort geprägt. Bei einem Termin erschien er offenbar schwer betrunken. Sein Büro beeilte sich mitzuteilen, die Symptome seien Zeichen einer „Viruserkrankung“. Seitdem sagen viele Tschechen nicht mehr, dass sie in die Kneipe gehen, stattdessen heißt es: „Wir holen uns eine Viruserkrankung.“ Kilian Kirchgeßner

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