PORTRÄT OLEG ORLOW VORSITZENDER VON MEMORIAL: : „Wir sind mitschuldig“

Natalja Estemirowa hat für die russische Menschenrechtsorganisation "Memorial" gearbeitet. Jetzt ist sie tot und der "Memorial"-Chef macht sich Vorwürfe

Elke Windisch

Hörbar betroffen, quälte sich Oleg Orlow, der Chef der Menschenrechtsorganisation „Memorial“, mit Selbstvorwürfen, nachdem der Mord an seiner tschetschenischen Mistreiterin Natalja Estemirowa bekannt geworden war. Sie habe zu „sehr sensiblen Themen“ recherchiert, Memorial hätte die Gefahr, in der sie schwebte, erkennen müssen. Orlow weiß, wovon er spricht. Auch er wurde bereits tätlich angegriffen: Memorial ist für Putin und dessen Satrapen, aber auch für Neofaschisten und konservative Kleriker ein rotes Tuch.

Als Memorial sich 1988, in der Götterdämmerung der Sowjetunion, als erste nichtstaatliche Organisation des Landes konstituierte, gehörte der 1953 geborene Journalist Orlow zu den Gründervätern um den Dissidenten und Friedensnobelpreisträger Andrei Sacharow. Unter seiner Führung sah Memorial seine wichtigste Aufgabe zunächst in der objektiven Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte – vor allem des Terrors in der Stalin-Ära – und der Rehabilitierung der Opfer. Auf Betreiben von Memorial wurde im Oktober 1990 vor der KGB-Zentrale auf dem Moskauer Lubjanka-Platz ein Gedenkstein enthüllt, der von den Soloewzki-Inseln im Eismeer stammt. Dort hatten die Bolschewiki schon 1920 das erste Konzentrationslager errichtet

Nach dem Ende der Sowjetunion setzte sich Orlow auch in anderen Organisationen für eine durchgreifende Demokratisierung Russlands ein. Bis 1996 war er die rechte Hand von Jelzins Menschenrechtsbeauftragten Sergej Kowaljow. Als dieser aus Protest gegen die beginnende Restauration des autoritären Staatsmodells zurücktrat, zog auch Orlow die Konsequenzen. Seither widmet er sich ausschließlich der Weiterentwicklung von Memorial, wo er die verratenen Ideale am besten aufgehoben glaubt. Orlow ist es zu danken, dass Memorial nahezu alle ethnischen Konflikte auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR kritisch begleitet. Er und seine Mitarbeiter – die meisten sind ehrenamtlich tätig – haben sich dazu inzwischen eine Fachkompetenz angeeignet, um die sie Politologen und Ethnologen beneiden. Auch im Tschetschenienkrieg hatte Memorial seine „Kundschafter“ auf beiden Seiten der Front und prangerte Kriegsverbrechen der Separatisten ebenso unparteiisch an wie die von Moskaus Soldaten.

2001 erhielt Memorial den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis und drei Jahre später den alternativen Friedensnobelpreis. Elke Windisch

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