PORTRÄT : „Wir müssen lernen, Schritt zu halten“

Sie gilt als eine Art fromme Pionierin. Aischa al-Mannai ist die erste Frau an der Spitze einer Fakultät für Scharia-Recht in der arabischen Welt. Der Weg dahin war nicht leicht.

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Foto: Katharina Eglau
Foto: Katharina EglauFoto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Kampf und Kontemplation könnte als Motto über ihrem Leben stehen. Aischa al Mannai weiß sich zu behaupten in der Welt islamischer Gelehrter. Und sie weiß die Tiefen des Selbst zu erkunden. Ihre Handbewegungen sind weich und geschwungen, gleichzeitig verrät ihr freundliches Gesicht einen eisernen Willen.

Man braucht eine Sehnsucht nach Innerlichkeit, eine Offenheit des Herzens, sagt sie, die als junge Studentin nach Kairo ging, um die mystischen Seelenreisen der Sufis kennenzulernen. Ihre Eltern konnten weder lesen noch schreiben. Geboren in einem Wüstendorf in Katar hatte sich die Hochbegabte schon früh in den Kopf gesetzt, Psychologie zu studieren. Da es das Fach vor 35 Jahren am Golf nicht gab, entschied sie sich für islamisches Recht und islamische Philosophie. Heute ist Aischa al Mannai die erste und einzige Direktorin eines Instituts für Scharia-Recht in der gesamten arabischen Welt und eine der führenden weiblichen Intellektuellen der Region.

Als sie 2003 für das Spitzenamt an der Katar-Universität berufen wurde, schalteten sämtliche männliche Scharia-Direktoren der Arabischen Halbinsel auf Boykott. Alle akademischen Treffen wurden abgesagt, mit einer Frau wollten die allgewaltigen Herren über Fatwas, islamische Jurisprudenz und göttliche Strafen nicht an einem Tisch sitzen. Doch Aischa al Mannai blieb – mittlerweile ist sie in ihrer dritten Amtsperiode. Schließlich gaben die frommen Rechthaber aus Saudi-Arabien, Jemen, Abu Dhabi und Kuwait ihren Widerstand auf und beriefen die akademischen Regionaltreffen wieder ein.

„Wir haben keine ernsten Meinungsverschiedenheiten“, lächelt die jahrelang Verfemte, um dann nicht mit Kritik zu geizen. Mit ihrem Lehrer und Vorvorgänger Scheich Yusuf al Qaradawi hat sie sich längst überworfen. Der erzkonservative 85-Jährige gilt heute als geistlicher Übervater der mächtigen Muslimbruderschaften. „Er ist nicht der Koran“, sagt Aischa al Mannai. Anders als Qaradawi behaupte, verbiete die Scharia nicht, dass eine Frau Präsident eines islamischen Landes werde. Auch sei eine islamische Regierung verpflichtet, Frauen und Männer gleich zu behandeln, ermahnt sie die Muslimbrüder, die künftig in Tunesien und Ägypten die Staatsspitzen stellen werden.

„Wir können uns nicht zurücklehnen und abwarten“, sagt Aischa al Mannai. „Die globale Welt hat ein so hohes Tempo. Und wir müssen lernen, Schritt zu halten.“ Martin Gehlen

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