Porträt : "Zu weiß, zu deutsch, zu männlich“

Peter Löscher ist Siemens-Chef. Diese Woche fällt das erste Urteil in der Schmiergeldaffäre, die sein Unternehmen viel Ansehen gekostet hat. Die Zeiten für Siemens werden härter.

Corinna Visser

Öffentliche Auftritte sind seine Sache nicht. Vor Publikum wirkt der 1,95 Meter lange Vorstandschef der Siemens AG stets ungelenk. In seinem Handeln als Chef zeigt Peter Löscher dagegen keine Unsicherheit. So radikal, wie er den Münchner Konzern umbaut, hat das in den vergangenen 20 Jahren keiner getan. Nicht einmal dreizehn Monate im Amt, hat er dem Konzern eine komplett neue Struktur gegeben, um ihn handlungsfähiger zu machen – und den Abbau von 17 000 Stellen angekündigt.

Diese Woche wird Löscher erneut viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen – mehr, als ihm lieb sein kann. Heute fällt das Urteil im ersten Prozess in der Siemens- Schmiergeldaffäre. Zeugen belasteten dabei auch ehemalige Mitglieder der oberen Führungsebene – sie hätten von schwarzen Kassen gewusst. Schon jetzt hat die Aufarbeitung der Affäre den Konzern mehr als eine Milliarde Euro gekostet. Löscher, der erste Chef in der Geschichte des Unternehmens, der nicht von Siemens kam, hat klargemacht, dass er bei der Aufarbeitung keine Rücksicht auf alte Loyalitäten nimmt.

Am Dienstag kommt der Aufsichtsrat zusammen. Dann wird das Gremium wohl beschließen, Schadenersatz von zehn Ex-Vorständen zu fordern – unter ihnen Löschers Vorgänger Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld. Auch dies ein beispielloses Vorgehen. Pierer, das war Mister Siemens, der Patriarch, der mit allen gut konnte. Kleinfeld, das war der dynamische Managertyp. Löscher, das ist der Besonnene, der dennoch provoziert. Zu weiß, zu deutsch, zu männlich sei das Siemens-Management, sagt Löscher, der ein Unternehmen mit mehr als 400 000 Mitarbeitern in 190 Ländern der Erde führt. Die mittlere und obere Führungsebene hat er eine „Lehmschicht“ genannt, die undurchlässig sei.

Er selbst sieht sich als Weltbürger. 1957 in Villach in Österreich geboren, studierte er in Wien, Hongkong und Harvard, arbeitete als Berater und wechselte in die Pharmaindustrie, statt das Sägewerk des Vaters zu übernehmen. Später arbeitete er in Deutschland, Spanien, Japan und den USA. Er ist mit einer Spanierin verheiratet und hat drei Kinder. Jetzt sei er „heimgekehrt“, sagt Löscher.

Am Mittwoch dann der für das Unternehmen wichtigste Termin: Die Quartalszahlen stehen an. Noch sind die Auftragsbücher voll, doch mit der abkühlenden Weltkonjunktur werden die Zeiten für Siemens härter. Corinna Visser

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