POSITIONEN : Die Euro-Zone ist kein Extremfall

Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Staaten der Euro-Zone wirken sich nicht so gravierend aus, wie allgemein angenommen wird. Die Zerklüftung anderer Währungsräume ist noch viel größer. Trotzdem zweifelt dort niemand am Bestand der Währungen.

Hartmut Kaelble
Foto: privat
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Was einen gut funktionierenden Währungsraum ausmacht, wird in der Euro-Krise heftig diskutiert. Eine zentrale Wirtschaftspolitik, wenig wirtschaftliche Disparitäten und viel Mobilität zwischen den Mitgliedstaaten werden in der Regel als Voraussetzungen für einen erfolgreichen Währungsraum genannt.

Viele Kritiker glauben, dass der Euro-Zone alle diese Voraussetzungen fehlen. Selbst wenn es eine europäische Wirtschaftsregierung gäbe, scheiterte sie nach Meinung der Kritiker an den enormen wirtschaftlichen Unterschieden zwischen den Mitgliedsländern. Sie ließen sich auch von einer europäischen Wirtschaftsregierung nicht so schnell abbauen.

Die wichtigste Währung der Welt, der US-Dollar, basiert, so hört man immer wieder, auf weit geringeren wirtschaftlichen Unterschieden und viel mehr Mobilität zwischen den Bundesstaaten der USA. Auch deshalb wird der Bestand des Dollar nicht angezweifelt.

Aber stützen sich die anderen großen Währungsräume der Welt auf ähnlich komfortable Voraussetzungen? Wenn man sich umsieht, ergibt sich ein anderes Bild. Die wirtschaftlichen Disparitäten in der Euro-Zone erscheinen dann nicht mehr so bedrohlich.

Die Unterschiede im Bruttosozialprodukt pro Kopf zwischen den Regionen Chinas, Indiens, Russlands oder Brasiliens sind deutlich größer als die Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten der Euro-Zone.

In der Euro-Zone besaß Deutschland, das derzeit reichste Land, 2011 ein knapp dreimal so hohes Bruttosozialprodukt pro Kopf wie das ärmste Land, Estland. In Schanghai, in der reichsten Region Chinas, liegt das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt siebenmal so hoch wie in Guizhou, der ärmsten Region – obwohl sich die regionalen Unterschiede in China in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verringert haben.

In der reichsten Region Indiens, im Delhi Territory, liegt das BSP pro Kopf mehr als fünfmal so hoch wie in der ärmsten Region Bihar. In Brasilien ist die Kluft ähnlich groß. In Russland sind die Unterschiede zwischen dem reichen Moskau und den armen Regionen des Kaukasus eher noch größer.

Trotzdem werden in allen diesen Ländern keinerlei Zweifel am Bestand der Währung geäußert. Niemand behauptet, dass der chinesische Renminbi, die indische Rupie oder der brasilianische Real wegen dieser inneren wirtschaftlichen Unterschiede in Gefahr sind.

Dazu kommt, dass die Mobilität in allen diesen Ländern deutlich schwächer ist als in der Euro-Zone. Die Europäer reisen innerhalb der Euro-Zone viel häufiger und tragen auch dadurch zu einer stärkeren Verflechtung der Mitgliedstaaten bei, als es in den nicht atlantischen Währungszonen der Fall ist.

Auch die USA haben es nicht viel besser. Das Pro-Kopf-Inlandseinkommen im reichsten Bundesstaat dieses Landes, in Delaware, ist etwas über zweimal so hoch wie das im ärmsten amerikanischen Bundesstaat, Mississippi. Nimmt man den sehr reichen District of Columbia oder das sehr arme Territorium von Puerto Rico hinzu, sind die Unterschiede weit größer als in der Euro-Zone. Aber selbst wenn man diese Rechenkunststücke beiseite lässt, liegt die Euro-Zone im globalen Vergleich der inneren Disparitäten nahe bei den USA. Die Euro-Zone ist kein Extremfall.

Die weitreichenden europäischen Entscheidungen zu der Schuldenkrise sollten sich daher von den inneren Disparitäten der Euro-Zone nicht beirren lassen. Sie halten sich international im Rahmen und lassen sich zudem von der Politik auf kurze Sicht nur schwer beeinflussen.

Viel wichtiger ist es, dass sich die Politik auf die europäische Bankenaufsicht und auf die europäische Kontrolle der nationalen Haushalte konzentriert und die außergewöhnliche Rolle der Europäischen Zentralbank in dieser Krise respektiert.

Der Autor ist Seniorprofessor für Geschichte an der Humboldt Universität. Zuletzt ist von ihm erschienen: Kalter Krieg und Wohlfahrtsstaat. Europa 1945-1989 (Beck 2011).

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