POSITIONEN : Sotschi darf sich nicht wiederholen

Zur olympischen Idee gehören auch die Menschenrechte.

Hugh Williamson
Foto: hrw
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Vieles spricht dafür, dass der nächste Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) aus Deutschland kommt. Glaubt man den Prognosen deutscher und internationaler Medien, so hat Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), gute Chancen, am 10. September in Buenos Aires an die Spitze des IOK gewählt zu werden.

Während sich die Bundesregierung in dieser Woche hinter Bach stellte, zeichnete der „Spiegel“ in einem Artikel ein kritisches Bild des früheren Fecht-Champions. Andere Medien berichteten über diverse Intrigen, die mit Bachs Kandidatur in Zusammenhang stehen sollen. Kurzum: Der Name Thomas Bach ist in aller Munde

Doch trotz des Wirbels um seine Person stellen nur wenige die Frage, was Bach oder einer der fünf anderen (männlichen) Kandidaten tun werden, wenn sie die Wahl gewinnen. Wie würde er seine Führungsrolle nutzen, um das IOK in einer Weise zu gestalten, die dem olympischen Geist besser gerecht wird?

Wir hätten da einen Vorschlag: Der Sieger sollte schon in seiner Antrittsrede eine Reform des IOK vorschlagen, die die „Wahrung der Menschenwürde“ – ein Kernelement der Olympischen Charta – wieder in den Mittelpunkt der olympischen Bewegung stellen würde. Allzu oft scheint dies bei der Auswahl der Orte nur eine untergeordnete Rolle zu spielen, während technische Prüfungen von Skisprungschanzen und Stadien und andere für einen reibungslosen Ablauf der Spiele notwendige Elemente im Vordergrund stehen. Doch spätestens mit Beginn der nächsten IOK-Präsidentschaft sollte auch die Achtung der Menschenwürde und Menschenrechte in den Katalog der Erfolgskriterien aufgenommen werden.

Die Erfahrungen des IOK bei den Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele, die im Februar 2014 im südrussischen Sotschi eröffnet werden, zeigen, warum eine Neuausrichtung dringend notwendig ist und auch im Interesse der Organisation liegt.

Wie schon vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking wurden auch die Vorbereitungen für Sotschi von zahlreichen Berichten über Menschenrechtsverletzungen überschattet, die in direktem Zusammenhang mit den Spielen stehen. Tausende Menschen verloren ihr Zuhause, weil ihre Häuser den olympischen Bauprojekten weichen mussten. Vielen der Arbeitsmigranten, die den Bau der Sportstätten vorantreiben, wurde eine faire Bezahlung verweigert. Ortsansässige Aktivisten und Journalisten, die kritisch über die Olympiavorbereitungen berichtet hatten, wurden zum Schweigen gedrängt.

Eine Reform des IOK, die einen ständigen Ausschuss zur Beobachtung und Beanstandung von Menschenrechtsproblemen in den Gastgeberländern schaffen würde, wäre ein wichtiger Schritt und ein Garant dafür, dass künftige Spiele nicht von ähnlichen Missständen überschattet werden.

Die jüngste Kontroverse über Russlands neues Gesetz zur Einschränkung der Meinungsfreiheit bei bestimmten Fragen der Sexualität und seine möglichen Auswirkungen auf die Teilnehmer der Spiele in Sotschi zeigt, warum eine solche Reform unerlässlich ist. Statt das Gesetz als groben Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot der Olympischen Charta zu verurteilen, ergriff das IOK halbherzige Maßnahmen, um von den russischen Behörden „Zusicherungen“ einzuholen, die dafür sorgen sollen, dass das Gesetz für alle Besucher, die wegen der Olympischen Spiele nach Russland reisen, folgenlos bleibt.

Der verantwortliche russische Minister sicherte zwar zu, dass sein Land die Olympische Charta achten werde. Er verteidigte das Gesetz jedoch und erklärte, es behalte auch während der Spiele in Sotschi seine Gültigkeit. Beschämenderweise machte er die „Zusicherungen“ an das IOK damit bedeutungslos.

Diese Entwicklungen wirken sich negativ auf die Glaubwürdigkeit des IOK aus. Der neue Präsident muss einen Schlussstrich ziehen und dafür sorgen, dass künftige Olympische Spiele in einem Umfeld stattfinden, das die Menschenrechte nicht einschränkt, sondern achtet.

Der Autor ist Direktor der Europa- und Zentralasien-Abteilung von Human Rights Watch.