Queen Elizabeth : Der blaue Gaul

Die Queen war nicht erbaut. Sie hat ein Geschenk bekommen vom Bundespräsidenten. Ein blaues Pferd. Das kennt sie nicht. Unser Kolumnist Helmut Schümann is not amused.

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Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Royalblau heißt hierzulande Königsblau. Königsblau ist besetzt. Königsblau trägt Schalke 04, ein Fußballverein, wie man der Engländerin Queen Elizabeth sicher nicht erklären muss. England ist das Mutterland des Fußballs, die Queen ist die Mutter dieses Mutterlands. Aber hätte Bundespräsident Gauck ihr als Geschenk ein Trikot überreichen sollen? Die Queen wäre wohl indigniert gewesen.

Also überreichte Gauck ihr ein Gemälde der Berliner Künstlerin Nicole Leidenfrost, „Pferd in Royalblau“. Und die Queen war indigniert. Unsereins kennt ja nicht so viele Königinnen persönlich und weiß von daher nicht, ob es bei Königinnen schneller zu Indigniertheiten kommt als bei Bürgerlichen. Die Königin, die ich kenne, trägt gerne auch mal Königsblau, vielleicht ist sie deshalb nicht so schnell pikiert. Die Queen hingegen, weißer Hut, keine Krone, weißer Mantel bei der Geschenkübergabe, war wenig amüsiert. „Merkwürdige Farbe für ein Pferd“, sagte sie. Wahrscheinlich sind auf der Insel die Pferde nur schwarz oder braun oder weiß.

Als ob ein Pferd nicht auch blau sein darf. Bei uns, Ma’am, dürfen Pferde durchaus auch mal blau sein. Schon seit mehr als hundert Jahren. Da preschten Franz Marc und Wassily Kandinsky mit den Blauen Reitern in die Kunst.

Man nennt das Phänomen bei uns auch künstlerische Freiheit. Möglicherweise ist die Queen aber eher Liebhaberin des Fotorealismus. Das geschenkte Gemälde hatte eine Vorlage, ein Foto aus dem Jahr 1930. Darauf ist Klein Elizabeth zu sehen, damals vier Jahre alt. Sie sitzt auf ihrem ersten Pferd, einem dunklen Shetland-Pony namens Peggy. Gehalten wird Peggy von Elizabeths Vater, King George VI. „Soll das mein Vater sein?“, fragte die Queen. „Erkennst du ihn nicht?“, fragte Philip. „No, not quite“, sagte die Queen. „Wenn es Ihnen nicht gefällt – Sie bekommen dieses Marzipan hier“, sagte Gauck und wies auf eine große Schachtel.

Die Blauen Reiter Marc und Kandinsky waren Vertreter des Expressionismus, einer Stilrichtung in der Kunst, die sich ausdrücklich gegen den Naturalismus stellte. Aber nun gut, Geschmäcker sind verschieden. Die Queen machte auf jeden Fall nicht den Eindruck, als wolle sie sich das Gemälde daheim im Buckingham Palace übers Bett hängen. Noch eins, Ma’am, wenn’s die Etikette nicht verletzt, wir haben hier auch eine Redensart, man kann sie übersetzen mit „never look a gift horse in the mouth“. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

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