Rassismus im Theater : Schauspielen hat mit spielen zu tun

Ist es rassistisch, wenn ein Weißer einen Schwarzen spielt? Einige sagen Ja und sind empört. Harald Martenstein sagt: Auch der Hetero Tom Hanks hat schon einen Schwulen gespielt. Es geht um einen Rollentausch.

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Grantler: Joachim Bliese und Didi Hallervorden als Midge und Nat. Die Inszenierung steht nun in der Kritik.
Grantler: Joachim Bliese und Didi Hallervorden als Midge und Nat. Die Inszenierung steht nun in der Kritik.Foto: Bresadola/drama-berlin.de

Im 19. Jahrhundert gab es in den Theatern der USA eine Kunstform, die „Minstrel-Show“ hieß. Dabei spielten Weiße mit, die sich schwarz geschminkt hatten. Sie sollten „Neger“ darstellen, echte Schwarze durften nicht auf die Bühne. Die schwarzen Charaktere waren nicht unsympathisch, aber ein bisschen dumm und immer fröhlich.

Nun hat Dieter Hallervorden im Berliner Schlosspark-Theater etwas Ähnliches gemacht. In dem politisch total korrekten Stück „Ich bin nicht Rappaport“ ist eine der Hauptfiguren ein etwa 80-jähriger schwarzer Hausmeister, die zweite Hauptfigur ist Jude und eine Art Kommunist. Zwei Außenseiter. Die eine Rolle spielt Hallervorden selbst – ein Jude ist er übrigens nicht –, die andere übernimmt Joachim Bliese, der schwarz geschminkt wird. Im Internet tobte tagelang ein Sturm der Entrüstung. Das sei Rassismus. Es gebe ja durchaus dunkelhäutige Schauspieler in Deutschland, einige davon seien unterbeschäftigt. Die meisten sind jung. Wenn man einen Weißen zum Schwarzen umschminken kann, dann lässt sich auch ein jüngerer Schauspieler in einen 80-Jährigen verwandeln.

Dieter Hallervorden hätte auch Roberto Blanco nehmen können. Der würde die Rolle sogar singen. Nun ist es aber so, dass die gesamte Theaterkunst zum Erliegen kommen würde, wenn die Herkunft der Schauspieler das entscheidende Kriterium wäre, wenn es auch da Quotenregeln gäbe oder wenn in Zukunft nur noch Frauen Frauen darstellten, Juden Juden oder Behinderte Behinderte. Schauspielerei hat halt doch ein bisschen was mit Spielen zu tun, mit Rollentausch und Inszenierung. Dustin Hoffman war im Kino eine Frau, Cate Blanchett war der Mann Bob Dylan, Sibel Kekilli ist im Fernsehen eine Urdeutsche, und der Hetero Tom Hanks war ein Schwuler. Schauspielerei beruht auf der Idee, dass man in eine andere Haut schlüpft. Helge Schneider ist sogar als Hitler aufgetreten, Christian Wulff tritt – mit mäßigem Erfolg – als unbestechlicher Präsident auf, obwohl beide privat anders sein sollen. Talent spielt bei Schauspielern auch eine Rolle.

Die Minstrel-Shows waren zweifellos rassistisch. Allerdings gibt es das Phänomen „Geschichte“, in deren Verlauf ändern sich Bedeutungen und manches muss manchmal neu beurteilt werden. Die ersten Autobahnen sollten der deutschen Welteroberung dienen, aus den blutigen Gladiatorenkämpfen wurden die harmlosen Castingshows. Die Welt ist in manchen Bereichen ein bisschen besser geworden, zwei oder drei Dinge kann man entspannter sehen als vor 100 Jahren. Nachdem aber sogar der aufrechte Dieter Hallervorden in den Verdacht geraten ist, ein Rassist zu sein, rechne ich für die kommende Woche mit Rassismusanklagen gegen Margot Käßmann, Marius Müller-Westernhagen und Xavier Naidoo.

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