Ratingagenturen : Prügel für den Boten

Kritik an den Ratingagenturen zu üben ist so, als würde man den Boten für die schlechte Nachricht bestrafen. Die Regierenden müssen sich endlich mit den Ursachen für die Herabstufungen der Euro-Länder auseinandersetzen.

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Sie machen doch nur ihren Job, oder?
Sie machen doch nur ihren Job, oder?Foto: dpa

Der Vorgang ist längst rituell. Wieder hat eine amerikanische Ratingagentur ihre Noten für die Kreditwürdigkeit von einigen Euro-Staaten gesenkt; dieses Mal waren es gleich neun. Erneut müssen nun die dortigen Verwalter der Staatskassen damit rechnen, dass die Nachfrage für ihre Anleihen nachlässt, und die Zinskosten für ihre Schulden steigen. Einmal mehr schäumen daher Politiker von Madrid bis Berlin, es handele sich um ein Fehlurteil, das der anti-europäischen Haltung der Angelsachsen entspringe. Und wieder sind sich alle darin einig, dass der Einfluss der Kreditprüfer beschränkt werden muss.

Doch die Empörung über die vermeintliche Sabotage gegen den Euro offenbart nur die beschränkte Perspektive jener, die sie vortragen. Denn die Analysten von Standard & Poor’s haben lediglich aufgeschrieben, was unter den meisten Ökonomen längst als ausgemacht gilt: Das von der Merkel-Regierung diktierte Konzept zur Stabilisierung der Staatsfinanzen in der Euro-Zone allein über radikale Sparprogramme funktioniert nicht und macht alles nur noch schlimmer.

Um ein Missverständnis zu vermeiden: Das Oligopol der drei US-Ratingagenturen, die gemeinsam 90 Prozent des Marktes für Bonitätsprüfung beherrschen, ist eine verhängnisvolle Fehlkonstruktion. Immer wieder, von der Asienkrise über die Bewertung der Pleitekonzerne Lehman Brothers und AIG bis hin zur Überschuldung Griechenlands, haben die großen drei kläglich versagt. Stets vergaben sie ihre Bestnoten noch bis kurz vor dem Zusammenbruch, nur um anschließend umso drastischer herabzustufen und damit die Krisen noch zu verschärfen. Im Fall der „toxischen“ US-Hypothekenanleihen, deren Ausfall die Krise auslöste, beteiligten sich die Notengeber aus New York sogar aus reiner Geldgier an der absichtlichen Falschbewertung faktisch wertloser Papiere. De facto spiegelt das Urteil der Agenturen also stets nur die Stimmung innerhalb der Finanzindustrie. Ist diese euphorisch, übersehen die Prüfer die Risiken. Sind die Anlageprofis dagegen pessimistisch gestimmt, urteilen auch die Agenturen eher vorsichtig.

Insofern gibt es allen Grund, deren Macht zu beschneiden. Und völlig unverständlich ist, warum Europas Regierungen und ihre Brüsseler Kommissare dies nicht längst getan haben. Würden sie nur den Bezug auf die Noten der Agenturen aus allen staatlichen Regelwerken streichen, zum Beispiel aus den Vorschriften für Versicherungen und Banken, dann wäre der Einfluss der Herren über das Dreifach-A auf die Kapitalströme weitgehend dahin. Ihre Urteile würden zu dem, was sie eigentlich sind: unverbindliche und unzuverlässige private Gütesiegel.

All das entbindet die Regierenden jedoch nicht davon, sich mit der von S&P angeführten Begründung für die Herabstufung der Euro-Länder auseinanderzusetzen, anstatt nur die Boten der schlechten Nachricht zu prügeln. Schließlich ist unübersehbar, dass die einseitige Kürzung der Staatsausgaben und Erhöhung der Massensteuern zulasten des Einkommens der einfachen Leute die Wirtschaft der Krisenländer so schwächt, dass praktisch nicht mehr in Bildung, Infrastruktur und neue Produkte investiert wird. So geraten sie aber in eine Abwärtsspirale, in der die Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung nicht schrumpfen, sondern sogar noch anwachsen – so wie es in Griechenland schon geschieht.

Darum gilt es, endlich jene heranzuziehen, die am meisten vom schuldenfinanzierten Boom profitiert und bisher fast nichts zur Bewältigung der Folgen beigetragen haben: die Besitzer der in allen Krisenländern reichlich vorhandenen Geldvermögen, deren Existenz ohnehin nur die andere Seite der hohen Verschuldung ist. So verfügen allein die drei Millionen Europäer, die jenseits ihrer Immobilien und sonstigen Werte eine Million Euro flüssig haben, über doppelt so viel Kapital wie Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien zusammen an Schulden haben. Gewiss, über diese Quelle zur Schuldentilgung haben die Bonitätsapostel von S&P nicht geschrieben. Aber das ist auch nicht ihr Job. Die Alternativen muss die Politik schon selbst entwickeln.

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