Rechtsradikalismus : Staatsanwälte zum Fürchten

Unser Autor hat auf seiner Weihnachtswanderung Richtung Heimat Station in Sachsen-Anhalt gemacht und ein paar unglaublich nette Jungs getroffen.

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Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Ich bin noch nicht am Ziel. Ich bin noch unterwegs bei meinem Walking home for Christmas. Mitunter kollidiert die Wirklichkeit mit der vorweihnachtlichen Zeit. Wenn ich zum Beispiel durch Gegenden laufe, in denen es so gar keine adventliche Stimmung gibt. Ich will keine Region verunglimpfen, man muss ja jetzt alles berücksichtigen, aber es war nun mal in Sachsen-Anhalt, wo mir mehrfach ungewöhnlich gestylte junge Männer aufgefallen sind, die teilweise auch sehr laut waren.

In einem ersten Impuls habe ich gedacht, das sind Rechtsradikale. Nun, nachdem ein Staatsanwalt in Magdeburg ausdrücklich in einem anderen Fall einen rechtsradikalen und rassistischen Hintergrund ausgeschlossen hat, denke ich um. Der Fall in Magdeburg: Neun Männer haben einen Türken halb totgeprügelt und -getreten, dabei mehrfach "Scheiß Ausländer" gebrüllt, aber das, so muss man den Staatsanwalt interpretieren, nicht böse oder gar ernst gemeint.

Die jungen Männer bei meiner Begegnung hatten alle Glatzen. Es ist davon auszugehen, dass sie entweder Haarausfall haben, wofür sie ja nun wirklich nichts können, oder einfach nur praktisch veranlagt sind, weil so eine Glatze pflegeleicht ist. Einer von denen, die da auf einem Marktplatz standen, hatte auch ein Tattoo auf der Glatze, "SS". Es ist also davon auszugehen, dass dieser junge Mann damit gegen den vergangenen „Scheiß Sommer“ protestieren und gegen alle künftigen vorbeugen will.

Zum Style der jungen Männer ist zu berichten, dass sie fast ausnahmslos Sweatshirts trugen, auf denen "Thor Steinar" steht, und Springerstiefel anhatten mit weißen Schnürsenkeln. Es ist also davon auszugehen, dass sie einen komplett anderen Modegeschmack haben als ich. Des Weiteren habe ich bislang vermutet, dass es nicht statthaft ist, "Heil Hitler" über einen Marktplatz einer kleinen Gemeinde in Sachsen-Anhalt zu rufen. Es ist also davon auszugehen, dass meine Vermutung ein Irrtum ist, sonst hätten die jungen Männer das ja nicht gerufen. Und das "Hier regiert der nationale Widerstand" war wohl ironisch gemeint.

Was nun den Fall des Magdeburger Staatsanwalts angeht, der laut Berufsbezeichnung den Staat vertritt, ist davon auszugehen, dass die neun jungen Männer, die den Türken halb totprügelten, mit dem "Scheiß" nur ausdrückten, dass sie ihn nicht so nett finden. Und mit der Bezeichnung "Ausländer" haben sie nur recht, ein Türke ist doch Ausländer. Es ist also davon auszugehen, dass es in Deutschland keinen Rechtsradikalismus gibt.

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