Meinung : Religion – ganz privat

„Wie entstand die Welt wirklich“ vom

29. April

Als Antwort auf die vier Zuschriften (Drefs, Weber, Kreibohm, Dr. Garmer) möchte ich feststellen, dass ein Gespräch über Religion und Wissenschaft wenig fruchtbar ist, wenn die Gesprächspartner sich gegensätzlicher Denkstile bedienen. Einerseits der analytisch und faktenorientiert denkende, andererseits der ganzheitlich und mehr gefühlsmäßig-intuitiv sich äußernde Mensch. Nur die erstgenannte Weise, die Welt zu betrachten und zu erkennen, führte jedoch zu den Ergebnissen, die jeder, auch der Gläubige, heute wie selbstverständlich in Anspruch nimmt. Seien die erkenntnismäßigen Früchte nun technischer, medizinischer oder philosophischer Natur.

Zu behaupten, dass die Religionen vor allem ihrer moralischen Kompetenz wegen unverzichtbar seien, ist auch wenig überzeugend. Ein Blick in Geschichte und Gegenwart zeigt, dass Religionen Menschen keinesfalls humaner machen, sie vielmehr eher spalten und in Konflikte treiben: Kreuzzüge, Inquisition, Dreißigjähriger (Religions-)krieg, zwei Weltkriege mit waffensegnenden Christen gegen waffensegnende Christen, Sunniten gegen Schiiten, Muslime gegen Christen, Hindus gegen Christen, Palästinenser gegen Juden, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ist es nicht zumindest einmal des Nachdenkens wert, dass die Mitglieder der American Academy of Sciences, der die führenden Wissenschaftler der USA angehören, unter ihnen viele Nobelpreisträger, in ihrer großen Mehrheit Atheisten oder Agnostiker sind? Unter den Biologen sind es sogar weit über 90 Prozent, die sich als Atheisten bezeichnen. Der größte Feind der Religionen – zumindest in ihrer jetzigen Form – ist m. E. nicht der Atheismus, es ist eine solide, auf wissenschaftlichen Einsichten basierende Bildung, zu der ganz wesentlich eine an den Naturwissenschaften, sprich: Wirklichkeitswissenschaften, erprobte Denkweise gehört. Um es mit Kant zu sagen: Bediene Dich Deines Verstandes! Das führt nicht unbedingt immer zu den humansten Lösungen – leider, aber wir haben nichts „Vernünftigeres“, um diese Welt friedlicher, gerechter und lebenswerter zu machen. Die Religionen als Ratgeber sind es erkennbar nicht, auch wenn es ganz gewiss unzählige religiöse Menschen gibt, die friedlich und humanistisch orientiert sind und das Beste für die Gesellschaft wollen. Es ist das gute Recht dieser Menschen, ihrer Religion anzuhängen. In einer pluralistischen, multikulturellen Gesellschaft, auf die wir durch die Globalisierung immer mehr zusteuern, hat aber Religion etwas ganz Persönliches zu sein und strikte Privatsache zu bleiben. Der Staat hat, um des gesellschaftlichen Friedens willen, religiös neutral zu sein. Der „Riss durch die Welt“, der sich in der Weltanschauung zeigt, darf nicht auch noch die Gesellschaft „zerreißen“.

Univ.-Prof. Dr. Uwe Lehnert,

Berlin-Nikolassee

Uwe Lehnert kritisiert u. a., dass zentrale Glaubenssätze ihrer Religion für viele heutige Christen keine Rolle mehr spielen, und dass man die Wirklichkeit nicht naturwissenschaftlich und zugleich religiös erklären kann – noch dazu je nach Weltregion mit ganz unterschiedlichen religiösen Erklärungen.

Die Leserbriefe zeigen, wie empfindlich Gläubige reagieren, wenn man ihre Sicht der Dinge einer kritischen Prüfung unterzieht.

Ich habe Lehnerts Buch inzwischen gelesen und bin wirklich beeindruckt. Er hat gründlich recherchiert, stellt die Standpunkte religiöser Menschen wie auch seine eigenen Überlegungen ausführlich dar und erkennt ausdrücklich an, dass sich viele Christen engagiert für andere Menschen einsetzen. Er prüft Argumente mit großer intellektueller Redlichkeit, und auch ich als interessierter Laie kann ihn auf Anhieb verstehen. Sogar die schwierige Frage nach dem Sinn des Lebens – wo die Kirchen gern beanspruchen, sie allein hätten Antworten zu bieten – behandelt Lehnert in einer für mich sehr überzeugenden Weise. Ich kann sein Buch jedem Menschen empfehlen, der sich mit dem Pro und Contra der christlichen Religion gründlich beschäftigen will.

Bernhard Klewitz, Berlin-Britz

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