Rundfunkbeitrag : ARD und ZDF versenden sich

Der Rundfunkbeitrag zwingt jeden Haushalt zur Abgabe. Doch Zwangsabgabe und Zwangsbeglückung funktionieren nicht. Eine Konzentration auf öffentlich-rechtliche Relevanz wäre ein entschiedener Weg aus der Zwangslage.

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Kein Entkommen vor den Rundfunkgebühren.
Kein Entkommen vor den Rundfunkgebühren.Foto: dpa

"Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand." Das hat Margot Käßmann dekretiert, nachdem sie ihr Amt als EKD-Vorsitzende wegen Trunkenheit am Steuer aufgegeben musste. Käßmann vertritt eine evangelische Theologie, die so weich ist wie Weißbrot. Dafür wird sie mehr denn je geliebt und verehrt.

Buße geht aber noch softer: Du kannst nie weicher fallen als in der ARD. Reinhold Beckmann erlebt das gerade. Er gibt seine Talkshow im Ersten auf, Ende 2014, nach dann 15 Jahren. „Beckmann“ ist unter den ARD-Spättalks das Angebot mit der geringsten Nachfrage. Der Talker sieht das nicht als wesentliches Argument fürs Aufhören, nein, er will nicht in das Sendergeschachere um Zahl und Platzierung der Talkshows geraten. Das hat er so schön gesagt wie Margot Käßmann, und darum wird Reinhold Beckmann in der ARD mehr denn je geliebt und verehrt. Und hofiert. Die ARD-Hierarchen vom Vorsitzenden Lutz Marmor bis zum Programmdirektor Volker Herres garantieren Beckmann (und seiner Firma) ein deutliches Plus an Beschäftigung. Wäre das deutsche Fernsehvolk in Tränen ausgebrochen, wenn der Mitarbeiter vom Bildschirm verschwunden wäre?

Die Beckmann-Posse von Fall und Wiederauferstehung des unentbehrlichen Reinhold illustriert die Segregation des öffentlich- rechtlichen Rundfunks. Eine Welt mit eigener Gesetzmäßigkeit und Gesetzbarkeit. Seit Jahresbeginn sind ARD, ZDF und Deutschlandradio von der sie umgebenden Umwelt noch ein Stückchen weiter abgerückt. Der Rundfunkbeitrag zwingt jeden Haushalt zur Abgabe. vollkommen egal, ob irgendein Mitglied Hörfunk, Fernsehen oder Internet öffentlich-rechtlicher Provenienz nutzt. Die Sender können sich nicht dagegen wehren, dass in einem Jahr 7,5 Milliarden Euro in die Kassen strömen. Jeder Tag ist dem Ausgeben gewidmet.

Das neue Schlaraffia macht die Anstalten – siehe Beckmann in der ARD, siehe Champions League im ZDF – von jeder Konjunktur unabhängig. Und doch ist diese Sorglosigkeit gefährlich. Anders als bei seiner Steuer kann der Bürger bei den Rundfunkprogrammen sofort hören und sehen, welcher Sinn und welcher Unsinn damit angestellt wird. Und wer bis zu seinem Tod zur Rundfunkabgabe verpflichtet ist, der stellt Fragen, der hat Erwartungen, der ärgert sich schneller, als dass er sich freut.

ARD und ZDF betreiben 22 Fernsehprogramme, zusammen mit dem Deutschlandradio sind über 50 UKW-Kanäle am Senden, im Internet wird all dies und noch viel mehr gestreamt. Öffentlich-rechtliche Expansion ist nicht gleichbedeutend mit expansiver Nachfrage. Nicht erst seit heute ist die Generation der 14- bis 29-Jährigen verloren. Wenn die ARD jetzt verzweifelt an einem Jugendkanal – am liebsten zusammen mit dem ZDF – bastelt, wird in einer sich fragmentierenden und sich über Smart-TV bald diffundierenden Fernsehwelt ein Akt von vorgestern vollzogen. Weil das Geld da ist, weil die reale Welt so weit weg ist von der öffentlich-rechtlichen.

Die Öffentlich-Rechtlichen versuchen mit weniger Erfolg denn je, die Milliarden Einnahmen aus jedermanns Geldbeutel mit Programmen für jedermann in Einklang zu bringen. Das kann nicht gelingen, da über zahllose (private) Angebote längst jeder Geschmack bedient wird. Zwangsabgabe und Zwangsbeglückung funktionieren nicht. Konzentration auf öffentlich-rechtliche Relevanz wäre ein entschiedener Weg aus der Zwangslage. Das Modell Beckmann befriedigt nur Reinhold Beckmann.

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