Russland, die Ukraine und die Linkspartei : „Ich verstehe die Linke nicht“

Was bedeutet heute „links“, fragt sich Harald Martenstein. Mit Demokratie könne es nicht viel zu tun haben. Was genau finden viele Linke an Putin und an Janukowitsch so gut, so sozialistisch und so fortschrittlich?

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Sahra Wagenknecht  äußerte Verständnis für die Ängste Moskaus.
Sahra Wagenknecht äußerte Verständnis für die Ängste Moskaus.Foto: dpa

In der Krimkrise beobachte ich mit einer gewissen Verwirrung, dass viele Linke relativ großes Verständnis für die politischen Positionen von Wladimir Putin zeigen. Die Position der westlichen Länder dagegen wird sehr kritisch gesehen. Irre ich mich, oder haben die Russen gerade einen Teil eines anderen Staates besetzt? Bitte kommt mir jetzt nicht mit der sogenannten Volksabstimmung auf der Krim. Die Gegenseite durfte nicht mal Wahlplakate kleben.

Ich möchte mal sehen, was passiert, falls bei der nächsten Bundestagswahl die Linkspartei keine Plakate kleben und keine Fernsehwerbung schalten dürfte. Mein Tipp: Sie würde diese Wahl für illegitim erklären.

Außerdem – wenn Russland das Recht dazu hat, die Krim zu schlucken, darf morgen Österreich Südtirol besetzen. In Südtirol bei einer Volksabstimmung, sogar einer echten, eine Mehrheit für den Anschluss an Österreich zu erzielen, dürfte kein Problem sein. Übrigens: Hitler hat damals mit genau den gleichen Argumenten, die jetzt Putin benutzt, die Tschechoslowakei zerschlagen und das Sudetenland besetzt. Die Sudetendeutschen waren begeistert.

Was bedeutet heute „links“? Das Eintreten für Demokratie scheint nicht darunter zu verstehen zu sein. Denn dass Putins Russland eine Despotie ist, kann man, glaube ich, nur sehr schwer übersehen. Im Gegensatz zur alten Sowjetunion hat sich diese Despotie nicht einmal ein sozialistisches Mäntelchen umgehängt. Ist euer Hass auf die Nato und die USA so groß, dass ihr jeden Despoten, jeden Imperialisten und jeden Unterdrücker hochleben lasst, Hauptsache, er hat ein paar Anti-USA-Phrasen im Gepäck?

Unser Autor Harald Martenstein.
Unser Autor Harald Martenstein.ddp

In der Zeitung „Junge Welt“ heißt es, die Ukraine werde von „Putschisten“ regiert. Tja, ich glaube, wenn die Ukrainer die Möglichkeit gehabt hätten, ihre Regierung ordentlich abzuwählen und auf legale Weise zu einer neuen Regierung zu kommen, dann hätten sie davon gerne Gebrauch gemacht. Sie hätten sicher gern darauf verzichtet, sich verprügeln und totschießen zu lassen. Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht, diese Parole kennt ihr doch. Darf das Volk sich eurer Ansicht nach nur dann gegen seinen Despoten erheben, wenn dabei am Ende ein antiwestliches Regime herauskommt? Ihr, als Linke, seid wirklich nur dann für Revolutionen, wenn das Ergebnis garantiert eine Parteidiktatur oder eine korrupte Oligarchenherrschaft ist? Es darf auf keinen Fall die Gefahr in der Luft liegen, dass am Ende der Revolution eine Demokratie mit Meinungsfreiheit und Bürgerrechten entsteht? Ich verstehe euch nicht. Was genau findet ihr an Putin und an Janukowitsch so gut, so sozialistisch und so fortschrittlich? Den Schwulenhass? Die Schauprozesse gegen Oppositionelle? Die Zensur? Die ermordeten Journalisten?

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