Schwarze Utopien : Absolute Sicherheit bedeutet absolute Unmenschlichkeit

Schwarze Utopien erobern Film und Literatur. Sie stehen für unsere pessimistische Sicht auf die Zukunft. Absolute Sicherheit ist das Ziel. Doch eine absolut sorglose Gesellschaft ist auch eine unmenschliche Gesellschaft. Ein Essay.

Dennis Schmidt-Bordemann
Lebensfeindlich. Die Protagonisten in "Interstellar" suchen eine neue Heimat für den Menschen. Nach wilder Reise durch ein Wurmloch gelangen sie auf einen Eisplaneten.
Lebensfeindlich. Die Protagonisten in "Interstellar" suchen eine neue Heimat für den Menschen. Nach wilder Reise durch ein...Foto: picture alliance / dpa

Aus der Traumfabrik Hollywood ist, so scheint es auf den ersten Blick, eine Albtraumfabrik geworden. Die Blockbuster der vergangenen Monate – „Interstellar“, „Maze Runner“ und nun der dritte Teil der „Hunger Games“-Reihe – entwerfen eine trostlose Zukunft: Die Zerstörung der Umwelt treibt die Menschheit dazu, einen neuen Heimatplaneten zu suchen („Interstellar“). Junge Menschen werden, aller Erinnerung beraubt, wie Laborratten zu wissenschaftlichen Zwecken in einem Labyrinth ausgesetzt („Maze Runner“). Eine dekadente, spätrömische Gesellschaft, die andere Menschen ausbeutet und unterdrückt, um sich ein Leben in Luxus und Ausschweifungen zu ermöglichen („Hunger Games“).

Unser Utopia ist eine finstere Zukunft

Bereits seit einigen Jahren wird im Kino die Zukunft in düstersten Farben gemalt. Und auch in der Literatur sind Schwarze Utopien seit Jahrzehnten eine bestimmende Größe. Orwells „1984“, Huxleys „Schöne neue Welt“, Bradburys „Fahrenheit 451“ oder zuletzt Dave Eggers’ „The Circle“ fassen die Ängste einer Gesellschaft in Worte – vor äußeren und inneren Feinden oder den potenziellen Gefahren kultureller und technologischer Entwicklungen. Und Filme wie „Metropolis“, „Matrix“, „Gattacca“ oder „Minority Report“ führen uns diese Gefahren bildlich vor Augen.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden utopische Zukunftsentwürfe nahezu vollständig durch Schwarze Utopien verdrängt. Es geht uns heute nicht mehr, wie es einst Thomas Morus zum Schluss seiner „Utopia“ im Jahr 1516 schrieb, um Dinge, die „ich unseren Staaten eher wünschen möchte als erhoffen kann“. Unser Utopia ist kein unerreichbarer Sehnsuchtsort, sondern eine finstere Zukunft, von der wir befürchten, dass wir unentrinnbar auf sie zutreiben. Wir fühlen uns wie auf einer Titanic, wenige Augenblicke vor der Katastrophe: Wir sehen den Eisberg und ahnen das Verderben, aber können den Zusammenstoß nicht mehr verhindern.

Film und Literatur spiegeln hier die pessimistische Sicht unserer Gesellschaft auf die Zukunft. Wachstum, Fortschritt und Veränderung sind nicht mehr positive Kräfte zur Veränderung und Verbesserung unserer Welt. Sondern sie sind auch – und oft: zuallererst – Gefahren. Die Zukunft wird zur Bedrohung, während die Bewahrung der Gegenwart oder die Rückkehr zu einer idealisierten Vergangenheit Sicherheit verspricht.

Mit den Diktaturen des 20. Jahrhunderts starb auch die utopische Hoffnung auf Aufklärung

Dass diese Warnungen vor der Zukunft uns heute so plausibel erscheinen, ist ein Erbe unserer Geschichte. Denn mit den Verbrechen der totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts starb auch die utopische Hoffnung der Aufklärung. Faschismus und Kommunismus, die dem Weltgeist und den Gesetzen der Geschichte zur Hand gehen wollten, führten die Menschheit nicht in eine bessere, sichere Zukunft, sondern in die Katastrophe.

Diese historische Erfahrung hat zu einem radikalen Bruch mit dem utopischen Denken geführt. Die Verwirklichung einer idealen Gesellschaftsordnung, so kritisierte Karl Popper 1944, führe nicht zu einer Befreiung der Menschen, sondern zu Diktatur und Selbstzerstörung. Utopischen Versprechen, so die Lehre unserer Geschichte, ist nicht zu trauen. An die Stelle des – vielleicht naiven – Vertrauens trat stattdessen gerade in Deutschland die Sorge, dass Fortschritt und Veränderung zu neuen Katastrophen führen könnten. So wurde die Zukunft von einer Verheißung zu einem Risiko.

Dieser steten Sorge vor der Zukunft hat der deutsche Philosoph Hans Jonas mit seiner Formulierung des „Prinzips Verantwortung“ eine Denkform gegeben. Bei Zukunftsentscheidungen empfiehlt er modernen Zivilisationen eine „Heuristik der Furcht“. Bei „schwankenden Prognosen“ sei „der warnenden Gehör zu geben“. Mit anderen Worten: solange ein Risiko verbleibt, soll eine neue Technologie nicht eingesetzt werden.

Dieses Denken, das in Deutschland (aber keineswegs nur hierzulande) weit verbreitet ist, ist – entgegen Jonas’ Formulierung – aber eben nicht das Prinzip der Verantwortung. Sondern das Prinzip der Sicherheit. Risiken und Unsicherheiten sollen um jeden Preis vermieden werden. Absolute Sicherheit ist das Ziel. Das Paradoxon jedoch ist, dass die Verwirklichung absoluter Sicherheit selbst eine dystopische Zukunft schafft, in der Fortschritt und Veränderung zum Verbrechen würde. Aus der guten Absicht entstünde, im Falle einer konsequenten Umsetzung dieses Denkens, eine Diktatur der Pessimisten, in der die Entwicklung von Mensch und Gesellschaft zum Stillstand käme.

Im Lateinischen wie im Deutschen hat das Wort „Sorge“ eine doppelte Bedeutung

Unmenschlich ist der Traum von absoluter Sicherheit aber auch in anderer Hinsicht. Das lateinische securitas – von dem sich auch das deutsche Wort Sicherheit herleitet – bedeutet nicht zufällig so viel wie „ohne Sorge“ oder „sorglos“ (secura). Und im Lateinischen wie im Deutschen hat das Wort „Sorge“ eine doppelte Bedeutung: Es meint zugleich unsere Sorge vor einer Gefahr, aber eben auch die Sorge für etwas oder jemanden.

Eine Gesellschaft ohne Sorgen, das ist – so schrieb schon 1921 Jewgenij Samjatin in seinem Roman „Wir“ – der „uralte Traum vom Paradies“. Eine Gesellschaft, in der jeder Mensch „mit einer Kette an das Glück“ geschmiedet worden ist. „In diesem Paradies“, so Samjatin, „haben die Menschen keine Wünsche mehr, sie kennen kein Mitleid, keine Liebe, dort gibt es nur Selige, denen man die Fantasie herausoperiert hat“. Eine absolut sichere, absolut sorglose Gesellschaft – das ist auch eine absolut unmenschliche Gesellschaft.

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