Meinung : Schwarzer Sumpf

06.12.2011 17:22 UhrVon Lorenz Maroldt

Der neue Berliner Justizsenator ist für das Amt ungeeignet.

Als Notar hat er am Rande der Strafbarkeit agiert, war er dabei, wie Leute erwerbsmäßig betrogen wurden – und als Senator für Justiz und Verbraucherschutz macht er sich mit seinen Erklärungen lächerlich. Kaum im Amt, ist Michael Braun schon schwer angeschlagen und belastet gleich den ganzen Senat. Der Strukturvertrieb von Schrottwohnungen ist eine seit Jahren bekannte, üble Sache. Wenn Braun das als Immobilien-Notar nicht bekannt war, ist er mit Sicherheit nicht in der Lage, als Senator eine Verwaltung zu führen, schon gar nicht mit der Zuständigkeit für Verbraucherschutz.

Betrügerische Unternehmen suchen sich ihre Notare nicht zufällig aus.

Niemand, der mit dieser Masche zu tun hat, auch nicht der Notar, interessiert sich für die fatalen Folgen, die Käufer dieser grotesk überteuerten Immobilien ertragen müssen. Dass jetzt ausgerechnet Braun für sie zuständig ist, das ist der vorerst schlechteste Witz dieser seltsamen Senatsbildung. Erst wird das Volk über den Notartisch gezogen, dann bei Gott geschworen, die ganze Kraft dem Wohle des Volkes zu widmen. So dreist und zynisch muss man erst mal sein.

Anrüchig ist dabei auch die Rolle der Notarkammer in Berlin. Deren Verantwortliche wissen genau, dass die Bundesnotarkammer die Beihilfe zur Schrottimmobiliendrückerei für unseriös und standeswidrig hält. Dennoch brauchte die Berliner Kammer keinen einzigen Tag, um ohne Kenntnis eines einzigen Falles den neuen Senator zu exkulpieren. Das ist peinlich für ein sogenanntes Organ der Rechtspflege. In ihrer Selbstbeschreibung tönt die Kammer, „Notare betreuen den Bürger bei schwierigen und folgenreichen Rechtsgeschäften“, und: „Sie sichern durch ihre Unabhängigkeit auch dem unerfahrenen Bürger sein Recht.“ Angesichts der bekannten Praxis ist das nichts anderes als Realsatire.

„Die Notarkammer wacht über Ehre und Ansehen ihrer Mitglieder“, heißt es; dass sie das Ansehen und die Ehre ihrer Mitglieder verteidigen oder retten muss, selbst wenn die angeschlagen sind, steht dort nicht. Vollends blamabel, wenn nicht skandalös wird der voreilige Freispruch, wenn man sich die Abhängigkeit der Kammer anschaut. Eine von drei Aufsichtbehörden ist da, neben dem Präsidenten des Landgerichts und der Präsidentin des Kammergerichts, die Justizverwaltung, also: seit ein paar Tagen der brave Herr Braun. Dem macht seine Kammer kein Problem, dann macht er seiner Kammer kein Problem, so einfach geht das schon wieder.

Es gibt keine Erklärung von Braun, warum er diese Geschäfte gemacht hat. Ist dem Justizsenator jeder Euro recht, ganz egal, wo er herkommt? Braun rennt ja selbst da noch seinen üppigen Notariatsgebühren nach, wo einer seiner Schrottverträge wieder aufgelöst wird. Niemand zwingt einen Notar, Verträge zu beurkunden, die darauf angelegt sind, unerfahrene, gedrängelte, getäuschte Käufer übers Ohr zu hauen. Wer es dennoch tut, handelt zumindest moralisch verwerflich, auch als kleine Nummer in diesem Geschäft.

Braun ist ein würdiger Vertreter der Beton-CDU seligen Angedenkens, mit Kanzlei am Kurfürstendamm, windigen Immobiliengeschäften und einem Parteibüro direkt im schwarzen Sumpf. Wenn es Frank Henkel ernst meint damit, dass mit ihm eine neue Zeit einziehen soll, dann hat er sich für den falschen Senator entschieden.

Videos - Meinung

Umfrage

Das DFB-Bundesgericht hat entschieden, dass Herthas Relegationsspiel gegen Düsseldorf nicht wiederholt wird. Eine richtige Entscheidung?

Service

Harald Martenstein

Foto:

Tagesspiegel-Texte von und über den Kolumnisten Harald Martenstein.

Zur Artikelübersicht

Weitere Themen

Stephan-Andreas Casdorff

Foto:

Tagesspiegel-Texte von und über den Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff.

Zur Artikelübersicht

Umfrage

Karneval der Kulturen 2012. Auf was freuen Sie sich am meisten?

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite

Lorenz Maroldt

Foto:

Tagesspiegel-Texte von und über den Chefredakteur Lorenz Maroldt.

Zur Artikelübersicht

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen

Harald Schumann

Foto:

Alle Tagesspiegel-Texte von und über Harald Schumann.

Harald Schumann