Meinung : Sehr wohl der Rede wert

„Wegmarken, Wendepunkte“ vom 13. Mai

Fatal, wenn jetzt Merkels DDR-Vergangenheit in den Wahlkampf gezogen wird. Doch das Unheil nimmt schon seinen Lauf. Letztlich steht wieder nur ihr sattsam bekanntes taktisches Geschick dem sattsam bekannten faktischen Ungeschick des Anderen gegenüber – und trägt natürlich den Sieg davon. Denn das Gewühle im Vorleben der Kanzlerin scheint hilflose kleinliche Mäkelei der Opposition und nicht der Rede wert.

Ist es schon. Ich frage mich nur, wieso denn heute erst? Beschäftigt hat mich das seit Anbeginn – als Gesamtdeutscher, nicht als Ostdeutscher. Ganz angetan war meine Frau 1990, damals Arbeits- und Sozialministerin im de-Maizière-Kabinett, als sie es mit der jungen Regierungssprecherin zu tun bekam, die – „obwohl CDU“ – mit ihr an einem Strang zog bei der Einbringung von Frauenrechten in den Einigungsvertrag (Fristenregelung, „Erwerbsneigung“ usw.) . Entsetzt war meine Frau, inzwischen Brandenburgs Arbeits- und Sozialministerin, als sie es mit Kohls neuer Familien- und Frauenministerin zu tun bekam, die plötzlich nichts mehr von „Sonderrechten“ für

ehemalige DDR-Frauen wissen wollte. Meine Entgegnung: „Wieso wundert dich das? Angela Merkel setzt ungebrochen erfolgreich ihr in der DDR begonnenes Karriere-Leben fort.“

Ich selber bin Pfarrerskind und habe zwei Schwestern. Keiner Pfarrerstochter wurde Anfang der Achtzigerjahre im Arbeiter- und Bauernstaat noch zugemutet, auch nicht an der Akademie der Wissenschaften, wider eigenen Willen die FDJ-Sekretärin für SED-Agitation und Propaganda abzugeben. Frau Merkel hat das getan – und sicher war das für Platzerhalt und Fortkommen nützlich. „Ich war keine Heldin. Ich war angepasst ...“ Recht und billig so. Untertanen-Typen hat Heinrich Mann zeitlos beschrieben – sie gibt es in Rechts- und Unrechtssystemen bis zum heutigen Tag. Sie sollen meinethalben „ungebrochen“ in hervorragenden Positionen Verantwortung wahrnehmen und Vormachtstellung demonstrieren – nur bitte nicht in Bereichen, die mich selber und direkt betreffen. Warum also nicht CDU-Vorsitzende? Das ist nicht meine Partei. Da darf es jeder und jede sein.

Doch die Bundesrepublik ist mein Deutschland. Und Angela Merkel meine Kanzlerin ... Um mich zurückhaltend auszudrücken: Das bringt mich in große Verlegenheit. Das ist mir unangenehm.

Wir wissen es doch nicht erst seit der Wende: Die DDR ist nicht einen einzigen Tag ihrer 40-jährigen Existenz ein demokratisch legitimierter Rechtsstaat gewesen. Die Mitläuferin, Hinterherläuferin, Umfallerin als Chefin meiner Republik? Ja, dies wird heute als Cleverness, Coolness, Dynamik, Flexibilität geadelt. Wäre ich Frau Merkel vor 30 Jahren in Leipzig oder Adlershof begegnet, politische Alltagsachtung hätte ich ihr nicht entgegenbringen können. Daran hat sich bislang nichts geändert - was freilich nicht an mir liegt.

Unvermeidlichkeit des Mittelmaßes: Lassen wir Frau Merkel noch eine dritte Legislaturperiode „an der Macht“ – ihr Geschick wird mehrheitlich anerkannt und belohnt. Ob überhaupt noch einmal Aufrichtigkeit, Verlässlichkeit, Standhaftigkeit einer Politikerin, eines Politikers der Rede wert sein werden?

Jörg Hildebrandt, Woltersdorf b. Berlin

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